Dr. Thomas Macho (Univ.-Prof. i.R.)
Direktor des IFK
Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften |
Kunstuniversität Linz in Wien
Email: office@thomasmacho.de

 Stifters Dinge



Wenn Sie auf diesen Text verweisen möchten:
Stifters Dinge, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 676. Heft 2005/8, Stuttgart (Klett-Cotta) 2005, 735-741; sowie in: Die Rampe. Hefte für Literatur 2/05: »Stifterreden«, Linz (Stifter-Haus/Trauner-Verlag) 2005, 51-57

von Thomas Macho

»Ding war aber ein Hauptwort Stifters.«
Arnold Stadler, Mein Stifter1

1. Eigenleben der Dinge

Von Dingen hat Stifter in vielen Bedeutungen geschrieben. In seinen Beschreibungen der Dinge kreuzen sich Aspekte der Natur und der Kultur, Erfahrungen der Vereinsamung und der Annäherung, des Mitgefühls und der Liebe, aber auch die Wahrnehmung opaker Fremdheit und einer Medialität, die das Ding von vornherein als Spur erscheinen läßt, als Wahrzeichen für ein Anderes. Gewiß, die Rede von Dingen war beliebt in der Romantik, und nicht erst seit Eichendorffs Wünschelrute von 1835: »Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.«2 In der Suche nach solchem »Zauberwort« äußerte sich der Widerstand gegen die cartesische Rationalität, wohl auch gegen die ersten Triumphe der Naturwissenschaften – und zugleich ein pantheistischer, kosmosfrommer Widerstand gegen die christliche Inkarnationstheologie. Warum sollte der Weltenschöpfer nur die Menschen, womöglich ein einziges Individuum – und nicht auch die Tiere, Pflanzen, Steine und anderen Dinge – beseelen?

In Differenz zu dieser romantischen Tradition – von der noch Rilke oder Heidegger inspiriert wurden – verweisen die Dinge in Stifters Prosa nicht allein auf einen göttlichen Ursprung. Sie erscheinen auch als Hieroglyphen des Unheimlichen, eines mitleidlosen Schicksals, wie es exemplarisch den Juden Abdias (in der gleichnamigen Erzählung von 1842) oder Veit Hugo und Cöleste (in der Erzählung Das alte Siegel von 1844) niederwirft. Stifter selbst erinnert sich – zu Beginn der Novelle Granit (1853) ?, wie ein wandernder Händler, der Wagenschmiere verkaufte, ihm die harzähnlich riechende Flüssigkeit auf die bloßen Füße gestrichen habe. Als er sich der Mutter zeigen wollte, schrie sie laut: »Was hat denn dieser heillose eingefleischte Sohn heute für Dinge an sich?« Sie trug ihn ins Vorhaus, »wohin wir, weil es an einem andern Orte nicht erlaubt war, alle nach Hause gebrachten Ruten und Zweige legen mußten, und wo ich selber in den letzten Tagen eine große Menge dieser Dinge angesammelt hatte«; und dort wurde er so heftig verprügelt, bis sich das Pech an den Füßen auf die gesamte Umgebung verteilt hatte.

Stifter ist tief erschrocken – »gleichsam vernichtet«, wie er schreibt – »über diese fürchterliche Wendung der Dinge«.3 Der Ausdruck sollte nicht metaphorisch gelesen werden (wie die Darstellung der Episode in der Stifter-Biographie von Wolfgang Matz nahelegt4), denn tatsächlich sind es ja seine eigenen, gerade erst zusammengetragenen Dinge, die – im Bündnis mit der Mutter – gegen ihn losschlagen. Wer die Dinge beseelt, muß auch mit der Möglichkeit ihrer Feindschaft rechnen. Wenige Monate nach Veröffentlichung der Bunten Steine schreibt Stifter an seinen Verleger Gustav Heckenast: »Ich glaube, daß sich die Dinge an mir versündigen.« Denn stets, wenn er hoffe, ein Meisterwerk schaffen zu können, »was für alle Zeiten dauert und neben dem Größten bestehen kann«, sind es gerade die »kleinen Dinge«, die dazwischenschreien und alle Ruhe zerstören.5 Eben noch hatte er diese kleinen Dinge – in der berühmten Vorrede zu den Bunten Steinen – nachdrücklich gelobt und als Zeichen des »sanften Gesetzes« gewürdigt; nun greifen sie ihn an, indem sie seinen Kopf, seine Aufmerksamkeit, erobern und besetzen.

2. Sammelgeist

Der Brief an Heckenast beginnt übrigens mit einer Aufzählung. »Durch das Heu den Häckerling die Schuhnägel die Glasscherben das Sohlenleder die Korkstöpsel und Besenstiele, die in meinem Kopfe sind, arbeitet sich oft ein leuchtender Strahl durch, der all das Wüste wegdrängen und einen klaren Tempel machen will, in welchem ruhige große Götter stehen; aber wenn ich dann in meine Amtsstube trete, stehen wieder Körbe voll von jenen Dingen für mich bereitet, die ich mir in das Haupt laden muß.« 6 Solche Körbe mit Dingen – die nicht einmal durch Beistriche von einander getrennt werden – hat Stifter an vielen Stellen seiner Werke aufgestellt. Sie sind charakteristisch für seine Technik der »dichten Beschreibung« noch im späten Roman Witiko (1864), wo sie für die Darstellung von Landschaften oder Festen ebenso benutzt werden wie für die Erwähnung von landwirtschaftlichen Geräten (»Pflüge Eggen Wägen Rechen Schaufeln Zuber Körbe«7 ) oder Waffen (»Knüttel Keulen Morgensterne Wurfbeile Streitäxte Speere Schwerter Armbruste und Schleudergeräte«8). Weitere Beispiele finden sich nahezu auf jeder zweiten Seite.

Das Ethos der Vollständigkeit, das in diesen Aufzählungen demonstriert wird, ist das Ethos eines Sammlers. Konkretisiert wird diese Leidenschaft in der Einleitung – nicht in der Vorrede – zu den Bunten Steinen, wo Stifter, die Geschichte vom Granit vorwegnehmend, schreibt: »Als Knabe trug ich außer Ruten Gesträuchen und Blüten, die mich ergötzten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die Pflanzen, nämlich allerlei Steine und Erddinge. Auf Feldern an Rainen auf Heiden und Hutweiden ja sogar auf Wiesen, auf denen doch nur das hohe Gras steht, liegen die mannigfaltigsten dieser Dinge herum. Da ich nun viel im Freien herum schweifen durfte, konnte es nicht fehlen, daß ich bald die Plätze entdeckte, auf denen die Dinge zu treffen waren, und daß ich die, welche ich fand, mit nach Hause nahm.«9 Aus weichen Steinen – wie dem »Taufstein« – fertigte der Junge »Täfelchen Würfel Ringe und Petschafte« an, bis ihm gezeigt wurde, daß die farbigen Linien und Texturen dieser Steine durch einen zarten Firnißanstrich hervorgehoben werden können.

Stifter erlag der Obsession des Sammelns – die spätestens seit den Feldblumen (1840) ein poetologisches Prinzip seiner Texte bildete – mit Bewußtsein. Der »Sammelgeist«, so bemerkt er etwa in der bereits zitierten Einleitung zu den Bunten Steinen, »ist noch immer nicht von mir gewichen. Nicht nur trage ich noch heut zu Tage buchstäblich Steine in der Tasche nach Hause, um sie zu zeichnen oder zu malen, und ihre Abbilder dann weiter zu verwenden, sondern ich lege ja auch hier eine Sammlung von allerlei Spielereien und Kram für die Jugend an, an dem sie eine Freude haben, und den sie sich zur Betrachtung zurecht richten möge. Freilich müssen meine jungen Freunde zu dieser Sammlung bedeutend älter sein, als ich, da ich mir meine seltsamen Feldsteine zur Ergötzung nach Hause trug.«10 Der pädagogische Hinweis auf das Alter der »jungen Freunde«, denen die Bunten Steine gewidmet werden, erinnert auch daran, daß »Lesen« ehemals als ein Ausdruck für »Sammeln« verwendet werden konnte. Wer die Dinge am Wegrand »auflesen« kann, »liest« gleichsam im liber naturae.

3. Nachkommenschaften

Das poetologische Verfahren Stifters – diese Zustimmung zum Pathos und zu einer Passion der Dinge, die den Autor geradezu überwältigen – hat bald die Kritik alarmiert: nicht die lächerliche Kritik Friedrich Hebbels am Nachsommer, sondern beispielsweise die scharfe Analyse Walter Benjamins (von 1918), die das Dämonische in Stifters Werk auf den unmöglichen Versuch zurückführen wollte, die bloß gesehene, visuelle Welt in eine Sprache zu übersetzen, die auf alle gehörten, akustischen Offenbarungen vollständig verzichtet. Stifters Sprechen sei »ein zur Schau Stellen von Gefühlen und Gedanken in einem tauben Raum«,11 behauptete Benjamin, und schloß mit dem Urteil, Stifter sei »seelisch stumm«. In einem Brief an Ernst Schoen (vom 29. Januar 1919) bekräftigte Benjamin diese Einschätzung, um sie auf Stifters Das alte Siegel anzuwenden, eine Geschichte, in der die Menschen – Benjamin zufolge – »immer zugleich das Absurde und das Widerwärtige, das Unwahrscheinliche und das Unleidliche«12tun; die eigentliche Modernität dieser narrativen Strategie Stifters blieb Benjamin erstaunlich fremd.

Im Horizont der eigenen Sprachphilosophie, der romantischen Spekulation über die paradiesische Namenssprache, konnte sie ihm auch nur fremd und falsch vorkommen. Diese Implikation erkannte Adorno, als er in einer Notiz Über epische Naivetät von 1943 (aus dem Komplex der Aufzeichnungen für die Dialektik der Aufklärung) seine Deutung Stifters beinahe unmerklich in eine Kritik an Benjamins Sprachphilosophie transponierte. »Gerade das gegenständliche Prinzip des Epos, das aller Spekulation und Phantasie extrem entgegengesetzte, führt die Erzählung, um ihrer apriorischen Unmöglichkeit willen, an den Rand des Wahnsinns. Die letzten Novellen Stifters geben vom Übergang der gegenständlichen Treue in die manische Obsession die deutlichste Kunde, und keine Erzählung hat je Teil an der Wahrheit gehabt, die nicht in den Abgrund hinabgeblickt hätte, in welchen die Sprache einstürzt, die sich selbst aufheben möchte in Namen und Bild.«13 Die doppelte Negation des zweiten Satzes verbirgt fast die Wahrnehmung einer nahen Verwandtschaft zwischen Benjamin und Stifter in ihrer manischen Obsession durch die Dinge.

An welche Erzählung mag Adorno gedacht haben, als er die »letzten Novellen Stifters« erwähnte? Gewiß nicht an die Nachkommenschaften von 1864, diesen heiteren, stilistisch oft komischen (weder dämonischen noch statuarischen) Text, der – besonders in den einleitenden Passagen – tatsächlich die literarischen »Nachkommen«, Thomas Bernhard vor allem, inspirieren sollte. Nicht nur wird in dieser Geschichte die Entscheidung zwischen dem Weiterleben im eigenen Werk oder dem genealogischen Weiterleben in den Kindern – anders als in manchen anderen Novellen – auf eine ganz untragische Weise getroffen; auch führt die Entscheidung für Sprechen, Lieben (und Schreiben) zur Verwerfung der visuellen Leidenschaften des Landschaftsmalers, der zum Schluß den Rahmen zerlegt, sein Bild, die stützenden Hölzer, alle Entwürfe, »zuletzt die Farben, die Pinsel und die Malerbrette«14 penibel verbrennt. Was Benjamin als »tauben Raum« charakterisierte, wird hier spontan verlassen: »Ich fühle nun eine Freiheit, Fröhlichkeit und Größe in meinem Herzen wie in einem hell erleuchteten Weltall.«15

4. Renaissance des Materialismus

Was Stifter zu Beginn der Nachkommenschaften skizziert, könnte durchaus als Karikatur und Abschied vom Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit gelesen werden. Freilich erzeugt die Karikatur des Dachsteinmalers keine Utopie, keine Hoffnung auf einen Fortschritt der Gattungsgeschichte, sondern allenfalls die Erinnerung an die kommunitären Traditionen aristokratischer Genealogie. Bei der Lektüre der Bemerkungen Benjamins und Adornos darf dagegen nicht vergessen werden, daß der Einwand gegen Stifters visuelle Obsessionen, seine Treue zu den Dingen, vor dem Hintergrund einer viel weiter reichenden Kritik operierte: nämlich der Kritik an der »Verdinglichung« der Subjekte im Kapitalismus. Solcher Kritik mußte die scheinbar naturalistische Orientierung an den Dingen stets verdächtig erscheinen: als eine Verleugnung der Warenform von Dingen und Subjekten, wie sie eben auch der Stifter-Leser Heidegger, etwa in seinem Vortrag über Das Ding (1949) praktiziert hatte. (Noch Thomas Bernhard assoziierte Stifter, den »Kitschmeister«, mit Heidegger, dem »lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer«.16

Spätestens seit 1989 hat sich die Lage verändert. Gerade der Zusammenbruch der marxistisch legitimierten Staatssysteme in Europa ermöglichte – in verschiedenen Kontexten – eine Renaissance des Materialismus und zugleich eine Art von Rehabilitation der Dinge: Blochs Spuren (von 1930) ließen gleichsam Das Prinzip Hoffnung zurücktreten. Im Bannkreis ökologischer Debatten entstanden innovative Naturbegriffe; in Kultursoziologie, Alltags- oder Mediengeschichte wurden die psychologischen, technischen und morphologischen Entwicklungsprozesse verschiedenster Dinge untersucht. Neue Disziplinen wie die Sammlungsgeschichte bemerkten – lange nach Foucaults Les mots et les choses (von 1966) – die Ordnungen der Dinge; und in den Neunzigerjahren bevölkerten sich die Buchmärkte mit einer Vielzahl von Titeln, die jeweils die Geschichte spezifischer Dinge – vom Fernsehen bis zu Eßbesteck und Handtasche – darzustellen versprachen. Neuerdings beschließen sogar Philosophen, sich wieder mit einzelnen Dingen zu beschäftigen: »Die Dinge betrachten, sie ins Auge fassen, sie hartnäckig prüfen.«17

Besonderen Einfluß auf dieses neu erwachte Interesse haben die Thesen und Argumente des Wissenschaftsforschers Bruno Latour ausgeübt. Schon in seinem Manifest Nous n'avons jamais été modernes (von 1991) proklamierte er die Aufhebung der im 19. Jahrhundert etablierten Leitdifferenz zwischen Natur und Kultur, und zwar zugunsten einer radikalisierten zweiten Aufklärung. Latour charakterisierte eine Gesellschaft der »hybriden« Wesen, der »Quasi-Objekte«, in denen Naturen und Kulturen sich unentwegt vermischen und kreuzen, gleichgültig, ob diese Wesen als Dinge, Pflanzen, Tiere oder Menschen angesehen werden; und er postulierte ein parlement des choses, in gewisser Hinsicht einen neuen contrat social, der auch die Dinge – Zwitter aus Materialität und kultureller Bedeutung – einschließen sollte. Ausdrücklich erklärte er den Fall der Berliner Mauer »während des wundersamen Jahrs der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution« als eine »einzigartige Lektion der Dinge« – also geradezu der Mauersteine – »über das gemeinsame Scheitern von Sozialismus und Naturalismus«.18

5. Stifters Wissen

Latours parlement des choses (oder Hans-Jörg Rheinbergers Begriff der »epistemischen Dinge«19) bilden einen Horizont, der auch Stifters Umgang mit seinem »Hauptwort« in neuem Licht erscheinen lassen könnte. Ganz im Gegensatz zu seiner Vereinnahmung als Heimat- oder Naturdichter war Stifter ja stets fasziniert von den Dingen zwischen Natur und Kultur, von den Übergängen zwischen scheinbar Belebtem und Unbelebtem, von den Bewegungen zwischen naturhaft erlittenem Schicksal und individuell gestalteter Geschichte; genau diese Transgressionen wurden ihm ja auch häufig vorgeworfen. Erst heute kann vielleicht erkannt werden, wie unromantisch, unzeitgemäß – und darum radikal modern – diese Grenzüberschreitungen waren, und wie wenig sie ihre wiederholt bloß psychologische Kommentierung verdienten. Stifter schrieb nicht nur über bunte Steine, Feldblumen, Wälder oder Landschaften. Während der langen Studienjahre in Wien befaßte er sich auch mit den Naturwissenschaften, mit Astronomie, Mathematik oder Physik; von 1843 bis 1846 unterrichtete er beispielsweise den Sohn Metternichs in diesen Disziplinen.

Stifters Dinge sind häufig Hybride (im Sinne Latours). Wenn er 1841 in einem Brief an Amalia vom Tod des Hündchens Muffi berichtet – den er mit einem Zettel begraben hatte, auf dem geschrieben stand: »Liebe ist heilig am Menschen wie am Tiere« ?, wenige Zeilen später aber eine nächtliche Eisenbahnfahrt als »wahrhaft erhabene Erscheinung« schildert,20 geraten die festgefügten Grenzen zwischen Tieren, Menschen und Maschinen ins Fließen. Wenn er die Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842 in Wien beschreibt, läßt er die präzise Darstellung der astronomischen Fakten beinahe unmerklich hinübergleiten in die Schilderung eines Erlebnisses, das an apokalyptische Ängste und Gewißheiten erinnert. Natur verkehrt sich in Kultur: »Seltsam war es, daß dies unheimliche, klumpenhafte tiefschwarze vorrückende Ding, das langsam die Sonne wegfraß, unser Mond sein sollte, der schöne sanfte Mond, der sonst die Nächte so florig silbern beglänzte; aber doch war er es, und im Sternenrohr erschienen auch seine Ränder mit Zacken und Wulsten besetzt, den furchtbaren Bergen, die sich auf dem uns so freundlichen Runde türmen.«21

Was Stifter fasziniert, ist gerade die Möglichkeit einer narrativen Verwischung der Grenze zwischen astrophysikalischem Wissen und kulturell vermittelter Erfahrung. Science & Fiction: Noch in den Winterbriefen aus Kirchschlag, die mehr als zwanzig Jahre nach der Wiener Sonnenfinsternis (1866, knapp zwei Jahre vor seinem Tod) verfaßt wurden, experimentiert Stifter mit derselben Strategie. Er schreibt von Licht, Wärme, Elektrizität, Luft und Wasser; die Briefe erinnern übrigens an die ersten fünf Bücher der Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit, in denen Herder – mit außerordentlicher Behutsamkeit – die Äste des porphyrischen Baums, vom Weltall bis zu den Affen, herabsteigt, um sich allmählich der Menschengeschichte zu nähern. Stifter erklärt die Phänomene, ergänzt sie mit detaillierten Protokollen (etwa der Tagestemperaturen), und verwandelt sie unversehens in poetische Erfahrungsberichte. So heißt es von der Berührung eines elektrisch aufgeladenen Körpers, sie bewirke – neben Phosphorgeruch und Funkenknistern – »im Angesichte eine Empfindung, als wäre man in Spinnenweben geraten«.22

6. Rosenzucht und Flügelaltar

Das Wechselspiel von Natur und Kultur prägt auch Stifters großen Roman, den Nachsommer. Die Dinge der Natur, etwa die Rosen, die das Haus des Gastgebers Risach schmücken, und die Dinge der Kunst, etwa die Marmorstatue oder der holzgeschnitzte Flügelaltar, verweisen stets aufeinander; sie repräsentieren dasselbe Ideal. Naturalia, Artificialia, Scientifica: Risachs rosenverkleidetes Haus erinnert eigentlich an eine barocke Wunderkammer, mit Räumen für die Kunst, die Bibliothek und die Naturwissenschaften: »Ich sah Werkzeuge der Naturlehre aus der neuesten Zeit, deren Verfertiger ich entweder persönlich aus der Stadt kannte, oder deren Namen, wenn die Geräte aus andern Ländern stammten, mir dennoch bekannt waren. Es befanden sich Werkzeuge zu den vorzüglichsten Teilen der Naturlehre hier. Auch waren Sammlungen von Naturkörpern vorhanden vorzüglich aus dem Mineralreiche. Zwischen den Geräten und an den Wänden war Raum, mit den vorhandenen Vorrichtungen Versuche anstellen zu können.«23 Was Risachs Gast zu sehen bekommt, ist also ein kleines theatrum naturae et artis, wie es Leibniz einst entworfen hat.24

Auf dieser Bühne sind alle Dinge, die zumeist sorgfältig beschrieben werden, einander ebenbürtig: hybride Mitbürger im parlement des choses. Die Rosen in Garten und Haus sind mitnichten pure Natur; ihre Erscheinung verdankt sich den kulturellen Techniken der Zucht, Hegung und Pflege, die der Hausherr auf vielen Seiten erläutert. Die Frage nach dem erstaunlichen Aussehen seiner Rosen beantwortet er mit einem langen Exkurs: »Luft Sonne und Regen sind durch die südliche Lage des Standortes und die Vorrichtungen so weit verbessert, als sie hier verbessert werden können. Noch mehr ist an der Erde getan worden. Da wir nicht wissen, welches denn der letzte Grund des Gedeihens lebendiger Wesen überhaupt ist, so schloß ich, daß den Rosen am meisten gut tun müsse, was von Rosen kömmt.«25 Der Satz klingt beinahe mystisch – und meint doch nur die Veredelung der Beete mit Rosenabfällen, Blättern oder Zweigen, die in einer Ecke des Gartens so lange gelagert werden, bis sie sich – »den Einflüssen von Luft und Regen ausgesetzt« – in die gewünschte milde »Rosenerde« verwandelt haben. Alchemie der Gartenkunst!

Mit derselben Aufmerksamkeit und Liebe zum Detail werden die Kunstwerke restauriert, insbesondere ein holzgeschnitzter Flügelaltar. Stifter war ja maßgeblich an der Rettung und Wiederherstellung des Kefermarkter Altars beteiligt;26 auch davon erzählt der Nachsommer. Die kunsthandwerklichen Techniken erinnern an die Rosenzucht: »Wir befreiten nur die Gebilde von Schmutz und Übertünchung, befestigten das Zerblätterte und Lediggewordene, ergänzten das Mangelnde, wo, wie ich gesagt habe, dessen Gestalt vollkommen bekannt war, füllten alles, was durch Holzwürmer zerstört war, mit Holz aus, beugten durch ein erprobtes Mittel den künftigen Zerstörungen dieser Tiere vor, und überzogen endlich den ganzen Altar, da er fertig war, mit einem sehr matten Firnisse.«27 Stifter wurde vorgeworfen, daß er auf die Restauration der Farben verzichtet habe; doch ging es ihm nicht um die Rekonstruktion einer ursprüngliche Gestalt, sondern vielmehr um jenes ästhetische Programm, das die Einheit von Rosen und Altar, Natur und Kunst, behauptet. In Risachs Worten: Der »Künstler macht sein Werk, wie die Blume blüht«.28

7. Die ersten Dinge

Wenige Monate vor seinem Tod, kurz nach dem 62. Geburtstag, fuhr Stifter nochmals in sein Geburtshaus im böhmischen Oberplan. Bei dieser Gelegenheit (vielleicht auch schon ein Jahr davor) verfaßte er ein Fragment der Erinnerung an seine frühesten Lebenseindrücke, das heute als ein Grundtext der literarischen Moderne gelten darf. Angesichts der »letzten Dinge« – des Todes, den Stifter schließlich selbst gewählt hat – treten ihm die ersten Dinge vor Augen. Und sie erscheinen mit einer Klarheit – wie Offenbarungen – aus den dunklen Zonen des Lebensanfangs. »Weit zurück in dem leeren Nichts ist etwas wie Wonne und Entzücken, das gewaltig fassend, fast vernichtend in mein Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künftigen Leben glich. Die Merkmale, die fest gehalten wurden, sind: es war Glanz, es war Gewühl, es war unten. Dies muß sehr früh gewesen sein, denn mir ist, als liege eine hohe, weite Finsternis des Nichts um das Ding herum.«29 Dieses »Ding« haben die Biographen später als Auferstehungsmesse identifiziert, die der einjährige Knabe von der Kirchenempore aus wahrgenommen habe.

Doch was besagt schon eine solche Entschlüsselung? Sie kann nicht konkurrieren mit Stifters Sätzen, die der Erfahrung des Glanzes auch die ersten Erfahrungen des »Entsetzlichen« und »Zugrunderichtenden« folgen lassen. »Dann war Klingen, Verwirrung, Schmerz in meinen Händen und Blut daran, die Mutter verband mich, und dann war ein Bild, das so klar vor mir jetzt dasteht, als wäre es in reinlichen Farben auf Porzellan gemalt. Ich stand in dem Garten, der von damals zuerst in meiner Einbildungskraft ist, die Mutter war da, dann die andere Großmutter, deren Gestalt in jenem Augenblicke auch zum ersten Male in mein Gedächtnis kam, in mir war die Erleichterung, die alle Male auf das Weichen des Entsetzlichen und Zugrunderichtenden folgte, und ich sagte: ?Mutter, da wächst ein Kornhalm?.« – Dieses Ereignis klärt Stifter selbst auf. Er hat wohl die Fenster zerschlagen, und die beiden Frauen sprechen zur Strafe nicht mit ihm. Was jedoch übrigbleibt, ist das Ding, der Kornhalm. »Ich sehe den hohen schlanken Kornhalm so deutlich, als ob er neben meinem Schreibtisch stünde«.30

Später sind es andere Dinge – die Stube, der gedeckte Tisch, das »Osterlämmlein«, das Fenster – die in Stifters Erinnerung auftreten. Sie erscheinen als rötliche Gestalten, die der Junge erstmals mit einem Wort assoziiert – dem Wort »Konskription«. Andere Worte folgen. »Die Fenster der Stube hatten sehr breite Fensterbretter und auf dem Brette dieses Fensters saß ich sehr oft und fühlte den Sonnenschein und daher mag das Leuchtende der Erinnerung rühren. Auf diesem Fensterbrette war es auch allein, wenn ich zu lesen anhob. Ich nahm ein Buch, machte es auf, hielt es vor mir und las: ?Burgen, Nagelein, böhmisch Haidel?. Diese Worte las ich jedes Mal«. Die ersten Dinge und die ersten Worte: Sie bilden noch keinen Zusammenhang, stehen aber auch nicht in Widerstreit. Am Fenster beobachtet der Junge, wie ein Mann, eine Frau, ein Hund oder eine Gans nach Schwarzbach gehen; auf dem Fensterbrett legt er Kienspäne der Länge nach aus, verbindet sie mit Querspänen und sagt: »Ich mache Schwarzbach«.31 Die Späne fügen sich zum Wort, als wollten sie sprechen – und das Kind zu den Dingen und zur Poesie zugleich geleiten.



Anmerkungen

1 Arnold Stadler: Mein Stifter. Portrait eines Selbstmörders in spe und fünf Photographien. Köln: DuMont 2005. Seite 56.

2 Joseph von Eichendorff: Wünschelrute. In: Werke in sechs Bänden. Band 1: Gedichte, Versepen. Herausgegeben von Hartwig Schultz. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker-Verlag 1987. Seite 328.

3 Adalbert Stifter: Granit. In: Bunte Steine und Erzählungen. München: Winkler 1951. Seite 17-52; hier: Seite 22.

4 Vgl. Wolfgang Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge. München/Wien: Hanser 1995. Seite 26.

5 Adalbert Stifter: An Gustav Heckenast (13. Mai 1854). In: Die Mappe meines Urgroßvaters (Letzte Fassung), Schilderungen, Briefe. München: Winkler 1954. Seite 726 f.

6 Ebda. Seite 726.

7 Adalbert Stifter: Witiko. München: Winkler 1949. Seite 163.

8 Ebda. Seite 176.

9 Adalbert Stifter: Einleitung zu Bunte Steine. In: Bunte Steine und Erzählungen. A. a. O. (Anm. 3). Seite 15.

10 Ebda. Seite 16.

11 Walter Benjamin: Stifter. In: Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppen­häuser. Band II.2: Aufsätze, Essays, Vorträge. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977. Seite 608-610; hier: Seite 609.

12 Walter Benjamin: Briefe. Herausgegeben von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno. Band 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1966. Seite 207.

13 Theodor W. Adorno: Über epische Naivetät. In: Noten zur Literatur. Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Rolf Tiedemann. Band 11. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974. Seite 34-40; hier : Seite 37.

14 Adalbert Stifter: Nachkommenschaften. In: Bunte Steine und Erzählungen. A. a. O. (Anm. 3). Seite 525-586; hier: Seite 585

15 Ebda. Seite 586.

16 Thomas Bernhard: Alte Meister. Komödie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985. Seite 85 und 87.

17 Roger-Pol Droit: Was Sachen mit uns machen. Philosophische Erfahrungen mit Alltagsdingen. Übersetzt von Hainer Kober. Hamburg: Hoffmann & Campe 2005. Seite 24.

18 Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Übersetzt von Gustav Roßler. Berlin: Akademie-Verlag 1995. Seite 193.

19 Vgl. Hans-Jörg Rheinberger: Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas. Göttingen: Wallstein 2001. Seite 24-30.

20 Adalbert Stifter: An Amalia Stifter (10./11. August 1841). In: Die Mappe meines Urgroßvaters (Letzte Fassung), Schilderungen, Briefe. A. a. O. (Anm. 5). Seite 652-654; hier: Seite 654.

21 Adalbert Stifter: Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842. In: Die Mappe meines Urgroßvaters (Letzte Fassung), Schilderungen, Briefe. A. a. O. (Anm. 5). Seite 501-512; hier: Seite 506.

22 Adalbert Stifter: Winterbriefe aus Kirchschlag. In: Die Mappe meines Urgroßvaters (Letzte Fassung), Schilderungen, Briefe. A. a. O. (Anm. 5). Seite 517-540; hier: Seite 526.

23 Adalbert Stifter: Der Nachsommer. München: Winkler 1949. Seite 79.

24 Vgl. Horst Bredekamp: Die Fenster der Monade. Gottfried Wilhelm Leibniz' Theater der Natur und Kunst. Berlin: Akademie-Verlag 2004. Seite 24.

25 Adalbert Stifter: Der Nachsommer. A. a. O. (Anm. 23). Seite 127.

26 Vgl. Arnold Stadler: Mein Stifter. A. a. O. (Anm. 1). Seite 120-129.

27 Adalbert Stifter: Der Nachsommer. A. a. O. (Anm. 23). Seite 98.

28 Ebda. Seite 542.

29 Adalbert Stifter: Nachgelassene Blätter. In: Die Mappe meines Urgroßvaters (Letzte Fassung), Schilderungen, Briefe. A. a. O. (Anm. 5). Seite 601-605; hier: Seite 602.

30 Ebda. Seite 604.

31 Ebda. Seite 605.