Dr. Thomas Macho (Univ.-Prof. i.R.)
Direktor des IFK
Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften |
Kunstuniversität Linz in Wien
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 Politik der Farben



Wenn Sie auf diesen Text verweisen möchten:
Politik der Farben, in: Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik. Band 4,1. Farbstrategien, Berlin (Akademie Verlag) 2006, 43-52.

von Thomas Macho



1. Gegen die Chromophobie

Pünktlich zur Jahrtausendwende hat der Kunst- und Kulturtheoretiker David Batchelor – er unterrichtet gegenwärtig am Royal College of Art in London – ein Manifest publiziert: ein Manifest gegen die Farbenfeindschaft, die Chromophobie. Batchelor geht von der Beobachtung aus, »dass die Farbe seit der Antike im Westen systematisch verdrängt, verleumdet, abgeschwächt und abgewertet worden ist. Generationen von Philosophen, Künstlern, Kunsthistorikern und Kulturtheoretikern verschiedenen Ranges haben dieses Vorurteil genährt und gehegt und gepflegt«. 1 Er begründet diese These mit einer Reihe von Zitaten aus Literatur und Philosophie, die seinen Verdacht stützen sollen, die westliche Kultur habe Reinheit und Ordnung, Vernunft und das Allgemeine stets mit Farblosigkeit assoziiert, während alle Farbigkeit dem Exotischen oder dem Weiblichen zugeschrieben wurde. »Einerseits erscheint Farbe als fremd und daher gefährlich. Andererseits gilt sie als bloß zweitrangige und nebensächliche Qualität der Erfahrung und wird daher als ernsthafter Betrachtung unwürdig erachtet. Farbe ist entweder gefährlich oder trivial«. 2 Doch auch Batchelors Manifest bleibt ein grauer Text. Seine Polemik gegen die Farblosigkeit ignoriert die Realgeschichte der Farben, ganz im Unterschied zu deren Traktierung in Diskursen. Wider Willen fördert David Batchelor selbst die Chromophobie, etwa wenn er implizit die Farblosigkeit mit Weiß identifiziert. Was ihm dabei entgeht, ist nicht zuletzt der historische Bruch zwischen einer älteren Welt, die in vielen Bereichen auf die natürliche Farbigkeit von Materialien angewiesen war, und der modernen Welt, die seit Erfindung der chemischen Farben (im Jahr 1856) beinahe jeden Gegenstand mit einer bunten Oberfläche auszustatten vermag. Während das Gewerbe der Färber zuvor auf Erdpigmente und Steine (wie Ocker oder den berühmten Lapislazuli), Pflanzen (wie Krappwurzeln oder Indigostauden) und Tiere (wie Purpurschnecken oder Koschenilleläuse) angewiesen war, genügte ihnen ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhundert schlicht Kohle.

Seit einem Jahrhundert ist die Welt wesentlich bunter geworden. Was noch in einer mittelalterlichen Kathedrale mit ihren Gemälden und Glasfenstern als visuelle Ausnahme, buchstäblich als überirdische, himmlische Vision, erfahren werden konnte (Abb. 1), prägt nun in zahllosen Gestalten den Lebensalltag. Gegen diesen ubiquitären Triumph der Farbigkeit haben die bildenden Künste der Moderne – die in vergangenen Jahrhunderten die Geheimnisse der Farbe hüteten – protestiert: durch monochrome Radikalität, durch Farbaskese und Verzicht auf ornamentalen, illustrativen Farbeinsatz, durch weiße oder schwarze Quadrate. Dabei folgte die Avantgarde jedoch ebensowenig einem chromophoben Affekt wie die antike und mittelalterliche Philosophie, die aus der alltäglichen Erfahrung realer Unbeständigkeit von Farben folgerte, die Farben seien nur flüchtige Erscheinungen und keineswegs objektivierbare, essenzielle Qualitäten des Seienden. »Denn die Atome des Stoffs entbehren noch völlig der Farbe«, resümierte Lukrez. 3

2. Politik in Orange



Orangene Masse: At Independence Square in Kyiv: 28. December 2004


Heute gehören die Farben nicht mehr allein den Künsten, sondern auch dem Alltag, der Mode, der Werbung und besonders der Politik. Beginnen wir mit einem aktuellen Beispiel. Orange ist seit kurzer Zeit die bevorzugte Farbe des politischen Wandels. Begonnen hatte ihr Aufstieg in der Ukraine. Mit orangefarbenen Schleifen, Schals und Fahnen protestierten die Anhänger Wiktor Juschtschenkos gegen die Manipulationen der Präsidentenwahl vom 21. November 2004; die Wahl musste bekanntlich wiederholt werden, und am 26. Dezember 2004 siegte die ›orange Revolution‹ (Abb. 2). Sie triumphierte über die traditionell blaue Regierungspartei von Wiktor Janukowitsch; wie ein Zitat der ukrainischen Flaggenfarben zerfiel das Land in blaue und orangefarbene Bezirke (Abb. 3). Orange oder Blau? So ging es weiter. Ausgerechnet unter Berufung auf den ukrainischen Umsturz propagierte Jörg Haider (am 4. April 2005) das neu gegründete ›Bündnis Zukunft Österreich‹ mit der Farbe Orange – gegen die traditionell blaue FPÖ. Orange oder Blau? Wenige Monate später begann in Israel ein ›Krieg der Farben‹, wie Uri Avnery, unter Bezug auf den Rosenkrieg im 15. Jahrhundert, behauptete. 4 Die Siedlerbewegung demonstrierte mit orangefarbenen Bändern an Autoantennen gegen die Rückgabe des Gazastreifens, während die Anhänger des Friedensprozesses mit blauen Bändern die Grundfarbe der israelischen Flagge zitierten. Noch einmal: Orange oder Blau? Die letzte (und zugleich älteste) Siedlung im Gazastreifen wurde am 23. August 2005 geräumt; seither ist der Krieg der Farben zu Ende.



Grafische Auswertung der 2. Stichwahl der Ukrainische Präsidentschaftswahlen am 26. 12. 2004 nach Oblasten


Zwischenzeitlich bestritt auch die deutsche CDU ihren Bundestagswahlkampf mit Orange. Sie folgte dabei allerdings nicht der Ukraine (obwohl Angela Merkel ihre Unterstützung Juschtschenkos – und die eigene Hoffnung auf einen politischen Wechsel – mit einer Orange auf dem Bundestagspult zum Ausdruck brachte), sondern vielmehr einer Empfehlung der Werbeagentur McCann Erickson, die bereits den CDU-Europawahlkampf 2004 und die Hamburger Bürgerschaftswahlen (am 29. Februar 2004) mit dem Farbton Orange – genauer gesagt: mit »Pantone 144 C« – ausgestattet hatte. Orange, so versicherte etwa Laurenz Meyer, CDU-Generalsekretär zwischen 2000 und 2004, sei das »sympathischere Rot«, eine Farbe mit »Lustfaktor« und »emotionaler Dimension«, die Geselligkeit, Genuss, Energie und Wärme symbolisiere. Daran hätte das Publikum von Kubricks Clockwork Orange gewiss nicht gedacht: Noch bis Ende der 1990er Jahre galt Orange als besonders unbeliebte Farbe, als »Farbe, die niemand mag«, wie Eva Heller in einer empirischen Untersuchung zur Farbsymbolik und Farbpsychologie (von 1989) feststellte. 5

Erst ab 2002 kam es zu einer relevanten Trendumkehr. Politik in Orange? Schon seit Jahrhunderten ist Orange die politische Farbe der Niederlande. Ursprünglich wehten über den niederländischen Grafschaften und Herzogtümern die rot-weißen Fahnen der Burgunder und später der Habsburger. Doch in den Konfessionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts etablierte sich Orange als Farbe der niederländischen Protestbewegung; das Banner Wilhelms von Oranien trug die Farben Orange, Blau und Weiß, wobei Orange – auch im Spektrum der späteren »Prinsenvlag« – Wilhelms Herkunftstitel als »Prince d'Orange«, Prinz von Orange (in Südfrankreich) anzeigte. Ab 1640 wurde Orange durch Rot ersetzt, und zwar aus jenen navigationstechnischen Gründen, die eine Seefahrernation stets zu akzeptieren pflegt: Rot lässt sich im Nebel leichter erkennen als Orange. Doch blieb Orange als Farbe des Königshauses unvermindert populär. Während des Zweiten Weltkriegs betrieb Königin Wilhelmina im Londoner Exil das »Radio Oranje«, um die neuesten Informationen über die Kriegsfortschritte der Alliierten in ihrer Heimat zu verbreiten; bis heute feiern holländische Fußballfans ihre in orangefarbenen Trikots gekleidete Nationalmannschaft als Oranje – »Oranje boven«.

3. Farben der Liturgie

Farben können leicht politisiert werden; sie erlauben offenbar rasch und mühelos die Erfahrung von Zugehörigkeit. Es ist, salopp gesagt, sehr viel einfacher, orangefarbene Hemden oder Schals zu tragen, als beispielsweise die Grundsätze eines Programms, den Text eines Gebets oder die Strophen einer Hymne auswendig zu lernen. Viele Jahrhunderte vor der Errichtung moderner Sportstadien prägten farbliche Distinktionen schon die römischen Zirkusspiele. Bei den Wagenrennen kämpften gewöhnlich vier Pferdegespanne um den Sieg, die von gewerblichen Renngesellschaften – jeweils im Besitz politisch einflussreicher Adelsfamilien – aufgestellt wurden. Zur optisch prägnanten Unterscheidung wählte jede Rennpartei eine Farbe für ihr Gespann: grün (prasina), rot (russata), blau (veneta) und weiß (alba). Der regierende Kaiser unterstützte seine Lieblingspartei. So berichtet Sueton von Caligula und Nero, sie seien leidenschaftliche Anhänger der grünen Partei gewesen; Domitian habe dagegen (ohne dauerhaften Erfolg) versucht, auch eine goldene (aurea) und eine silberne (argentea) Zirkuspartei einzuführen. 6

Mit Hilfe der Farben konnten politische Gruppierungen, aber auch hierarchische Differenzen visualisiert werden. Der kostspielige Purpur (aus Tyros) blieb etwa den ranghöchsten Würdenträgern vorbehalten; die römischen (und danach die byzantinischen) Imperatoren erließen zahlreiche Edikte, um diese Farbe für sich selbst und ihre Angehörigen zu reservieren. Wer einen purpurnen Flicken auf sein Gewand nähte, signalisierte den Aufruhr und lief Gefahr, sofort als Rebell verhaftet zu werden. Purpur war freilich »nicht die einzige Farbe in der Geschichte, deren Gebrauch durch strenge Gesetze geregelt war. In England zum Beispiel erließ König Richard I. im Jahre 1197 ein Gesetz, das einfachen Leuten unter Strafe verbot, irgendeine andere Farbe als Grau zu tragen. In China war während der Qing-Dynastie (1644–1911) ein bestimmter Gelbton einzig dem Kaiser vorbehalten, während nach der maoistischen Revolution im Jahre 1949 sämtliche Chinesen, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, Dunkelblau tragen mussten.[...] Auf jeden Fall aber ist Purpur die Farbe, deren Gebrauch über die längste Zeit und im größten Maße gesetzlich reglementiert wurde«.7

Im Mittelalter wurden die Farbordnungen zu komplexen Systemen ausgebaut, etwa im Rahmen der Farbliturgie des Kirchenjahrs. Die Farbe seines Messkleids signalisierte zumeist nicht den Rang des Priesters, sondern den Charakter des jeweiligen Festtags. Ein weißes oder goldenes Gewand wurde zu den christlichen Hauptfesten, zu Marienfeiertagen oder Engelfesten getragen, Rot verkündete einen Märtyrertag, Violett die Buß- und Fastenzeiten, Schwarz die Trauer (anlässlich einer Totenmesse, zu Allerseelen und an Karfreitag), und Grün wurde an den weniger bedeutenden Sonntagen nach dem Dreikönigsfest oder nach Ostern angelegt. Mit einem rosa Messkleid trat der Priester an den Sonntagen Gaudete und Laetare – in der Advents- und Fastenzeit – vor seine Gemeinde; die Buße sollte zeichenhaft durch die Vorfreude auf das Weihnachts- und Osterfest unterbrochen werden. Die blaue Farbe kam im Kirchenjahr nicht zum Einsatz; sie galt als Leitfarbe der Gottesmutter (und war obendrein äußerst kostspielig). Gelb fungierte dagegen als Schandfarbe (Abb. 4). »In diesem ›Schandgelb‹ mussten sich neben den Dirnen die Henkersfrauen und Ketzer zeigen, auch die ledigen Mütter, und in dieser Farbe stellten Giotto und Holbein den Verräter aller Verräter dar, den Judas. [...] Wo eine gelbe Flagge wehte, wütete die Pest«.8 Und spätestens nach dem vierten Laterankonzil (im Jahr 1215) wurden auch die Juden mit Gelb gebrandmarkt.

4. Von der Heraldik zu den Uniformen

Nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die weltlichen Machthaber – Könige, Fürsten oder Ritter – entwickelten differenzierte Farbordnungen zur Kennzeichnung von Status und Zugehörigkeit. Königshäuser, Adelsfamilien, Ritter (und später auch die Zünfte) verwendeten Farben und Zeichen, die – nach Maßgabe der Kunst der Herolde, der Heraldik – zum Wappen komponiert werden mussten. Die Farbordnung der Heraldik kannte sieben Primärfarben: die »Lackfarben« Rot, Blau, Grün und Schwarz, die »Metalle« Gold und Silber, sowie Purpur (Violett), das sowohl als Lackfarbe wie als Metall eingesetzt werden konnte. Wappen wurden nach der Regel aufgebaut, Farben und Metalle abzuwechseln; sie dienten nicht nur der Repräsentation, sondern sicherten auch die Erkennbarkeit von Freunden und Feinden in der Schlacht. Erst die zunehmend unübersichtlicheren Kriege der frühen Moderne erzwangen einfachere Farbkennzeichnungen, gleichsam erste Uniformen. Im Dreißigjährigen Krieg identifizierte man die habsburgischen Soldaten an roten, die Schweden an gelben, die Franzosen an blauen, die Niederländer (und zeitweise die Engländer) an orangefarbenen Abzeichen. 9 Die einheitliche Färbung der Uniformen war so wichtig, dass sie sogar bestimmten Farbtönen den Namen gab. Die blauen Uniformen der Preußen (die das heimische Waidfärberhandwerk stützen sollten, weshalb auch der Import von Indigo kategorisch verboten wurde) überlebten im Preußischblau; und die Farbe Magenta wurde nach dem Ort einer Schlacht von 1859 benannt, in der die sardisch-französische Armee – in rotblauen Uniformen – die österreichischen Truppen besiegte. 10

In Kriegen musste eben Farbe bekannt werden, ebenso wie in der Politik. Bis heute werden die Anhänger politischer Parteien als Rote, Schwarze, Grüne, Gelbe oder Blaue bezeichnet; man redet von rot-grünen und schwarz-gelben Bündnissen oder gar von einer Ampelkoalition. Rot war in Antike und Mittelalter die Farbe der Herrschenden; erst in der Französischen Revolution erhielt sie eine andere Bedeutung. Die Jakobiner erwählten die rote Mütze der Galeerensträflinge zu ihrem Symbol; ihr grelles Rot wurde bald zum allgemeinen Zeichen der Revolution, zur Farbe der politischen Linken. (Eine Ausnahme bildet hier lediglich die Partei der Republikaner in den USA.) Die schwarzen Anhänger der christlichen Parteien erhielten ihre Farbe von den Talaren der Priester und Pastoren, für die seit dem 17. und 18. Jahrhundert, besonders in der protestantischen Kirche, die schwarze Farbe vorgeschrieben war. Die Schwarzhemden des italienischen Faschismus oder die schwarzen SS-Uniformen orientierten sich dagegen an der Farbsymbolik des Todes (und der Totenköpfe), während die braune NS-Leitfarbe auf die Propaganda von »Scholle und Boden« zurückgeführt wurde.

Die Grünen wählten die alte Farbe der Vegetation und der Hoffnung zu ihrem Farbsymbol, um ihre ökologische Orientierung zu demonstrieren; davor hießen ausgerechnet die Polizisten in Deutschland und Österreich »die Grünen«. Gelb und Blau waren schließlich die Farben des Liberalismus und des nationalen Konservatismus. Kurzum, das Parteienspektrum hat inzwischen den Farbkreis weitgehend ausgeschöpft, vor allem wenn man bedenkt, dass die Farben Lila/Violett, Rosa und Grau von der Frauenbewegung, der Schwulenbewegung und den Senioren erfolgreich besetzt wurden. Eine neue Partei hätte es also schwer, eine neue Farbe mit ihrem Auftritt zu assoziieren; neue Firmen, Vereine – oder sogar Nationen – haben es hier erheblich leichter, denn sie wählen ja keine eigene Farbe, sondern (wie in der Heraldik) bloß eine Kombination aus Farben, Zeichen und Symbolen. Wurde darum Orange seit 2004 politisiert, in der Erwartung, dass diese Farbe – zumindest außerhalb der Niederlande – noch frei ist? Eine Farbe, die in den Farbtrendprognosen für 2006, die von der einflussreichen US-amerikanischen Color Marketing Group herausgegeben werden, als »hybrid color« mit der wenig schmeichelhaften Bezeichnung »Ignorange« erwähnt wird?11

5. Farbwahrnehmung und Farbvokabular

Auf den ersten Blick wirkt die Frage nach besetzbaren, freien Farben absurd. Wahrnehmungspsychologen haben doch behauptet, dass gesunde, farbtüchtige menschliche Augen rund sieben Millionen Farbnuancen differenzieren können; wieso freuen wir uns also nicht auf Parteien in Ocker, Türkis, Olivgrün, Lavendelblau oder Hennarot? Ganz einfach: Unsere Sprache kann mit den Augen nicht mithalten. Die Zahl der Farbworte und Farbbegriffe, unser gesamtes Farbvokabular, ist wesentlich kleiner als die Zahl diskreter Schwingungen, die wir sehend unterscheiden können. Im Prinzip verfügen wir in der deutschen Sprache über rund fünfzehn Grundfarbworte, die nur durch die Verknüpfung mit konkreten Gegenständen vermehrt werden können. So bildet sich etwa die Vielfalt möglicher Rottöne ansatzweise ab in Ausdrücken wie: Backsteinrot, Blutrot, Erdbeerrot, Feuerrot, Fuchsrot, Kardinalrot, Korallenrot, Kupferrot, Mahagonirot, Paprikarot, Pfirsichrot, Rosenrot, Scharlachrot oder Zinnoberrot. Vielleicht könnten wir auf diesem Weg ein Lexikon unseres Farbvokabulars auf tausend oder zweitausend Begriffe erweitern; dennoch wird diesen maximal zweitausend Farbbegriffen aber nur eine verschwindend kleine Zahl von Symbolen und Bedeutungen gegenübergestellt werden können. Die Symbolik der Farbe Blau ändert sich nicht, auch wenn wir zwischen Himmelblau, Preußischblau oder Ultramarinblau differenzieren.

Noch komplizierter wird das disproportionale Verhältnis zwischen optischen Farbwahrnehmungen, sprachlichen Farbausdrücken und kulturellen Farbsymbolen, sobald wir die Grenzen der eigenen Sprache überschreiten. Das traditionelle Japanisch differenziert nicht zwischen Blau und Grün; und die griechische Antike kannte überhaupt keine Farbworte für Blau oder Grün. Sollen wir deshalb – mit Nietzsche – annehmen, die alten Griechen seien farbenblind gewesen? In der Morgenröthe schrieb der Altphilologe: »Wie anders sahen die Griechen in ihre Natur, wenn ihnen, wie man sich eingestehen muss, das Auge für Blau und Grün blind war, und sie statt des ersteren ein tieferes Braun, statt des zweiten ein Gelb sahen (wenn sie also mit gleichem Worte zum Beispiel die Farbe des dunkelen Haares, die der Kornblume und die des südländischen Meeres bezeichneten, und wiederum mit gleichem Worte die Farbe der grünsten Gewächse und der menschlichen Haut, des Honigs und der gelben Harze: sodass ihre grössten Maler bezeugtermaassen ihre Welt nur mit Schwarz, Weiss, Roth und Gelb wiedergegeben.«12 Spätestens seit den eindrucksvollen Rekonstruktionen der Farbigkeit antiker Skulpturen und Tempel, die zuerst in der Glyptothek München, danach in den Vatikanischen Museen und im vergangenen Jahr in der Skulpturhalle Basel ausgestellt wurden (Abb. 5),13 kann der Irrtum Nietzsches bestaunt werden. Farbpigmente brauchen keine Worte. Sie können wahrgenommen, aber nicht exakt beschrieben oder angemessen übersetzt werden. 14



Farbrekonstruktion des »Panzertorso« von der Athener Akropolis


Die Politisierung der Farben kann also nur mit wenigen Worten und symbolischen Bedeutungen operieren. Es wäre schwer vorstellbar, mit einer zinnoberroten gegen eine scharlachrote Fraktion zu kämpfen: Rot bleibt Rot, wie die Rede von rot-roten Koalitionsbildungen in Deutschland anschaulich verrät. Freilich kann dieses Rot in verschiedenen Kontexten völlig andersartige Bedeutungen annehmen. Wer von Rot spricht in einer politischen Versammlung, meint etwas anderes als der Fußgänger vor der Ampel oder der Liebhaber im Blumenladen. Rot kann Erotik und Leidenschaft signalisieren, aber auch Mord und Totschlag. In ihren jeweiligen Kontexten sind die Bedeutungen der Farbwörter relativ fest; dabei darf aber nicht übersehen werden, dass alle diese Kontexte zumeist eng begrenzt sind und daher unentwegt eine Vielzahl – mehr oder weniger unbewusster – Übersetzungsleistungen erzwingen. Warum sind wir nicht irritiert davon, dass ein rotes Licht in einer katholischen Kirche die Gegenwart Gottes (in Gestalt konsekrierter Hostien) anzeigen kann, während – vielleicht zwei Gassen weiter – dasselbe rote Licht die Käuflichkeit sexueller Dienste avisiert? Die Farben sind ebenso konkret wie abstrakt. Ihre rätselhafte Kontingenz, ihre situative Evidenz, tritt offenbar nicht in Widerstreit mit höchster Allgemeinheit. Die politischen Farben konstituieren ihre Gegenstände immer wieder neu – weshalb von der Jakobinermütze oder vom Priesterrock nur zwei Farbworte übriggeblieben sind, in deren Zeichen die heftigsten Konflikte ausgefochten werden können.


1 David Batchelor: Chromophobie. Die Angst vor der Farbe. Übersetzt von Michael Huter. Wien: WUV Universitäts­verlag 2002. Seite 20.

2 Ebd. Seite 20 f.

3 Lukrez: Über die Natur der Dinge. Übersetzt von Hermann Diels. Berlin: Aufbau 1957. Seite 82.

4 Vgl. Uri Avnery: Der Krieg der Farben. Autorisierte Übersetzung von Ellen Rohlfs. In: http://www.uri-avnery.de vom 09.07.2005.

5 Vgl. Eva Heller: Wie Farben wirken. Farbpsychologie – Farbsymbolik – Kreative Farbgestaltung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1989. Seite 259-269.

6 Vgl. Sueton: Cäsarenleben. Übersetzt und kommentiert von Max Heinemann. Stuttgart: Kröner 82001. Seite 274, 346 und 477.

7 Victoria Finlay: Das Geheimnis der Farben. Eine Kulturgeschichte. Übersetzt von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann. Berlin: List 2005. Seite 407.

8 Margarete Bruns: Das Rätsel Farbe. Materie und Mythos. Stuttgart: Reclam ³2001. Seite 100.

9 Vgl. Geoffrey Parker: Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500 – 1800. Übersetzt von Ute Mihr. Frankfurt/Main/New York: Campus 1990. Seite 97.

10 Vgl. Simon Garfield: Lila. Wie eine Farbe die Welt veränderte. Übersetzt von Hainer Kober. Berlin: Siedler 2001. Seite 94.

11 Vgl. die Trendempfehlungen für das Jahr 2006 auf der Webseite der »Color Marketing Group«
12 Friedrich Nietzsche: Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile. In: Sämtliche Werke / Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Band III. München/Berlin/New York: dtv/ Walter de Gruyter 1980. Seite 261 f.

13 Vgl. Vinzenz Brinkmann / Raimund Wünsche (Hrsg.): Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur. Ausstellungskatalog der Skulpturhalle Basel. Basel 2005.

14 Zu den Schwierigkeiten der Übersetzung von Farbbegriffen vgl. die Vorbemerkung des Übersetzers Sebastian Wohlfeil in: Alexander Theroux: Purpurn. Anleitungen eine Farbe zu lesen. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2000. Seite 5 f.