Dr. Thomas Macho (Univ.-Prof. i.R.)
Direktor des IFK
Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften |
Kunstuniversität Linz in Wien
Email: office@thomasmacho.de

 Zoologiken

 Tierpark, Zirkus und Freakshow



  Vortrag am IFK Wien, 12. Oktober 2000

Wenn Sie auf diesen Text verweisen möchten:
Zoologiken. Tierpark, Zirkus und Freakshow, in: Hartmut Fischer (Hrsg.): TheaterPeripherien. Konkursbuch 35, Tübingen (Konkursbuchverlag Claudia Gehrke) 2001, 13-33.

von Thomas Macho

Nichts wäre mir sympathischer, als diesen Vortrag unter ein Motto zu stellen, das der letzten Strophe eines Katzengedichts von Robert Gernhardt entnommen ist. "Andere mögen von Menschen reden, ich rede von Tieren."1 Leider sind diese Sätze - sofern sie eine bestimmte Haltung anzeigen - ebenso passend und schön, wie sie logisch und historisch falsch sind. Denn die ubiquitäre Gegenüberstellung von Menschen und Tieren versteht sich keineswegs von selbst; sie ist in gewisser Hinsicht ein Resultat aufklärerischer Anthropologie, wahlweise begleitet von der fortschrittsoptimistischen Gewißheit, daß die Menschen die besseren Tiere sind, oder von der romantischen Idealisierung, daß die Tiere die besseren Menschen sind. Noch die "Zoologie" des Aristoteles traktierte den Menschen unter verschiedensten Rubriken, um zu demonstrieren, daß die Natur keine Sprünge macht;2 Menschen wurden etwa den "Bluttieren" mit vollständigem Gebiß und einem Magen (wie Löwen und Hunden3) zugeordnet, aber auch den lebend gebärenden Säugetieren (wie den Pferden und allen "behaarten Tieren", sowie manchen "Wassertieren" wie den Delphinen oder Walfischen4). Selbst die vielzitierte Rede vom "zoon politicon" formulierte keine prinzipielle Differenz, sondern charakterisierte die Menschen als "staatenbildende Lebewesen" - ähnlich den Bienen oder verschiedenen anderen "Herdentieren".5 Doch will ich an dieser Stelle keine philosophische Begriffsgeschichte der Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren entwickeln; zur Erläuterung des Vortragstitels möge genügen, daß "zoon" besser als "Lebewesen" übersetzt werden sollte (an Stelle von "Tier"). Demnach bezeichnen "Zoologiken" die Wissensordnungen und Typologien, mit deren Hilfe die "Lebewesen" - Menschen und Tiere - kategorial systematisiert werden. Die zitierten Sätze Robert Gernhardts sind nämlich auch darum verfehlt, weil sie eine unhaltbare Topik suggerieren: es ist - zumindest in kulturwissenschaftlicher oder historischer Perspektive - gar nicht möglich, von Tieren zu sprechen, ohne von Menschen zu reden (und umgekehrt). In besonderem Maße gilt diese Behauptung für die Geschichte der öffentlichen Ausstellung von Lebewesen. Nicht nur im Zirkus oder in der Freakshow, sondern mitunter sogar im Zoologischen Garten wurden Menschen und Tiere präsentiert. Die neuere Geschichte dieser Präsentationen werde ich in den folgenden Minuten skizzieren. Dabei sollen vorrangig die Wissensordnungen thematisiert werden, die sich seit dem 18. Jahrhundert exemplarisch in den Ausstellungsformen des Tierparks, des Zirkus und der Freakshow manifestiert haben. Im ersten Kapitel (zur Logik des Tierparks) soll die Genealogie zoologischer Taxonomie diskutiert werden - auch im Verhältnis zu den anthropologischen Versuchen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Typologien der Menschengattung zu konstruieren. Im zweiten Kapitel (zur Logik des Zirkus) wird die Ausstellung von dressierten Tieren und trainierten Menschen als Visualisierung geschichtsphilosophischer Ideale einer "Erziehung des Menschengeschlechts" (auch in ihrer Verwandtschaft mit den kulturellen Evolutionstheorien des Lamarckismus) kommentiert; dabei soll auch die historische Bedeutung der Alphabetisierung - der Kollektivierung ehemals elitärer Kulturtechniken - angemessen gewürdigt werden. Im dritten Kapitel schließlich (zur Logik der Freakshow, der letzten "Wunderkammer", zugleich einer "Mischform" von Zoo und Zirkus) wird es um kulturelle Repräsentationen des Darwinismus gehen: um die Ausstellung der "missing links" und der "Mutationen".

1. Zur Logik des Tierparks

Die Anlegung privater Tiergehege mit exotischen Lebewesen ist bereits für die alten Hochkulturen des Orients bezeugt; von hellenistischen Herrschern wurde sie im dritten vorchristlichen Jahrhundert (in Gestalt der therotropheia) übernommen.6 Römische Aristokraten pflegten ihren Landgütern Wildgehege anzugliedern, zum Teil für die Jagd, zum Teil auch für ästhetische Vergnügungen: so wurden Pavillons errichtet, von denen aus die Tiere beobachtet werden konnten. Gelegentlich erfreuten sich die Patrizier dabei am Treiben der Tiere, die sie gleichzeitig auf ihren Aussichtsplätzen - nach erfolgreicher Jagd - verzehrten. Die römischen Kaiser erbauten umfangreiche Privatzoos; bekannt ist der Zoo, "den Nero in seinem Palast (Domus aurea) einrichtete, derjenige Domitians in seiner Villa Albana und der Gordians III. an der Porta Praenestina, der einen Bestand von 537 Tieren gehabt soll, darunter Elefanten, Tiger, zahme Löwen, Flußpferde, Giraffen".7 Ein größerer Teil der wilden und exotischen Tiere in den Kaisergehegen wurde übrigens für die Spiele in der Zirkusarena eingesetzt. Bei diesen Gelegenheiten wurden die Tiere öffentlich präsentiert, gemeinsam mit Gladiatoren und Kriegsgefangenen; auch der Privatzoo Gordians wurde - etwa anläßlich der Säkularspiele im Jahre 248 p.C. - vorübergehend der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Besonders seltene und wertvolle Exemplare einer Tiergattung durften an einzelnen Plätzen oder Straßenecken zur Schau gestellt werden; so berichtet Plinius im achten Buch seiner "Historia Naturalis" von den Aktivitäten des Ädils Aemilius Scaurus, der im Jahre 58 a. C. einen Wassergraben in der Stadt anlegen ließ, um dem Publikum das erste Nilpferd und einige Krokodile zu präsentieren.8 Fürstliche oder königliche Menagerien wurden auch während des Mittelalters eingerichtet. Die Tradition der Tiergehege erhielt sich vor allem in Byzanz (zumindest bis ins 13. Jahrhundert); Karl der Große ließ sich von den Fürsten des Oströmischen Reichs mit Elefanten und seltenen Vögeln beschenken. Später entwickelten die Kreuzfahrer - im Zuge ihrer kriegerischen Orientreisen - ein leidenschaftliches Interesse an Leopardenjagden und an der Haltung wilder Tiere. Einen umfangreichen Privatzoo unterhielt der Staufer Friedrich II. an seiner Residenz in Sizilien; er "besaß Kamele, Dromedare, Elefanten, Raubtiere, Affen, Bären, Gazellen und Giraffen, mit denen er jagte oder Umzüge veranstaltete".9 In den Städten der Renaissance - in Neapel, Parma, Ferrara und vor allem Florenz - wurden zahlreiche Tiergehege angelegt; Lorenzo di Medici hielt Jagdleoparden, Löwen, Elefanten, Bären, Stiere und Wildschweine. Spätestens ab dem 16. Jahrhundert wurde der Status eines Fürsten oder Königs auch durch seine Menagerie bezeugt - zumindest jedoch durch den Besitz der eigenen Wappentiere. Seltene Tiere wurden getauscht und gehandelt; sie bildeten wertvolle diplomatische Geschenke. "1514 schenkte der König von Portugal Leo X. aus Dankbarkeit für die vom Heiligen Stuhl 1493 vorgenommene Aufteilung der neueroberten Länder einen Elefanten und einen Schneeleoparden. 1591 überließ Heinrich IV. der Königin von England einen Dickhäuter, von dem er wußte, daß sie ihn unbedingt besitzen wollte."10 Im Zuge der Entdeckungsreisen erlangten die Importe exotischer Tiere einen bemerkenswerten Umfang; Schwierigkeiten während der Schiffstransporte führten freilich immer wieder dazu, daß die begehrten Tiere noch vor der Ankunft starben. So zog der französische Konsul in Kairo 1715 eine bittere Bilanz: "Vierzehn Strauße, die er nach Malta geschickt hatte, waren aufgrund mangelnder Pflege verendet, achtzig Purpurhühner, die er sich besorgt hatte, im Nil ertrunken, und der größte Teil der Tiere, die er in Alexandria gekauft hatte, war unterwegs verschieden."11 Halten wir fest: Tiere wurden als feudale Prestigeobjekte gesammelt, gehandelt, getauscht oder verschenkt; sie wurden in privaten Gehegen oder Zoos untergebracht, der Öffentlichkeit jedoch zumeist nur auf Umzügen oder im Rahmen kurzfristiger Schaustellungen präsentiert. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts traten zwar bereits Wandermenagerien in Mitteleuropa auf;12 der Schönbrunner Zoo in Wien wurde 1765 (nach dem Tode Franz Stephans) für das Publikum geöffnet. Der moderne Zoo entstand aber erst im späten 18. Jahrhundert. Er unterschied sich durch wenigstens vier Merkmale von den höfischen Tiergehegen und Menagerien: erstens durch seine Anbindung an die Wissenschaft, zweitens durch seine Assoziation mit einer idealisierten Natur (in der Gestaltung zum städtischen Park und Erholungsraum), drittens durch seine öffentliche Zugänglichkeit, sowie viertens durch seinen nationalen Prestigewert und die symbolische Verkörperung des jeweiligen Gemeinwesens. Alle diese Qualitäten wurden beispielsweise nach der Französischen Revolution im Pariser Jardin des Plantes sukzessiv realisiert. Zunächst kam es allerdings zum Sturm auf die (ohnehin vernachlässigte) Menagerie in Versailles: im Zuge der Gefangennahme des Königs (am 10. August 1792) zerstörten die Jakobiner das verhaßte Symbol absolutistischer Herrschaft und brachten zahlreiche Tiere - Affen, Hirsche oder Vögel - zum Enthäuten. Der Rest sollte getötet, präpariert und dem ehemals königlichen Naturalienkabinett zur Verfügung gestellt werden. Indes gelang es dem Leiter des Kabinetts - Bernardin de Saint-Pierre - einen Alternativvorschlag durchzusetzen: der botanische Garten in Paris - der Jardin national des Plantes - sollte durch eine Menagerie ergänzt werden. Die Wissenschaftler und Gelehrten, insbesondere der Société dâhistoire naturelle, stimmten begeistert zu - und beriefen sich in ihrem Votum auf den großen Enzyklopädisten der Naturgeschichte, auf Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, dessen Histoire naturelle, générale et particulière in 44 Bänden zwischen 1749 und 1804 in Paris gedruckt wurde. Der Gedanke lag nahe, den gedruckten "Katalog" Buffons - dessen Untertitel avec la description du Cabinet du Roy die Orientierung an der alten Ordnung der Naturalienkammer verriet - durch lebende Exemplare gleichsam zu illustrieren. Buffon hatte ja eine Version zoologischer Taxonomie vertreten, die keine wirklichen Temporalisierungen kannte; die "chain of being" war noch nicht gesprengt worden. Bekanntlich ließ sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Vermutung mancher Paläontologen, "daß Fossilien Überreste von heute ausgestorbenen Organismen seien" mit dem kryptotheologischen Argument zurückweisen, "daß in einem gut regierten Universum jede Art zu allen Zeiten vorhanden sein müsse"; der "Fortgang der Zeit" sollte "keinen Zuwachs an Mannigfaltigkeit in der Welt" bedeuten: "in einer Welt, welche Ausdruck einer ewigen Vernunft ist, durfte dies auch gar nicht sein."13 In Buffons Histoire naturelle wurde zwar bereits von den "époques de la nature" gesprochen; aber die zeitliche Ordnung, die Buffon später den Ruf eines "Vorläufers" der Evolutionstheorien Lamarcks und Darwins eintragen sollte, orientierte sich an älteren chronologischen Modellen. Buffons Zeithorizont wurde nämlich "vom Festhalten an der auf Moses und der Genesis basierenden Zeitrechnung, der traditionellen Chronologie, bestimmt: Die Schöpfung währte sechs Tage und einen, und seit der Entstehung des Menschen seien sechs- bis achttausend Jahre vergangen".14 Kurzum: die vorwiegend architektonisch (und nicht zeitlich) konstruierte Taxonomie Buffons provozierte geradezu die Vorstellung einer enzyklopädischen Repräsentation. Freilich stieß die Verwirklichung dieser Vorstellung an pragmatische Grenzen, die sich aus Problemen der Finanzierung, der Unterbringung und der Beschaffung jeweiliger Tierarten ergaben. Erst die napoleonischen Kriege und Beutezüge, in deren Verlauf nicht nur Kunstwerke und Antiquitäten, sondern eben auch zahlreiche exotische Tiere - Elefanten aus Holland oder der Berner Bär - nach Paris geschafft wurden, verbesserten die Lage. Zwar wurde der Begriff des "Zoologischen Gartens" in England (mit der Einrichtung der Menagerie in Regentâs Park) geprägt; aber die Gestaltung der Tiergehege im Jardin des Plantes zu einem idyllischen Landschaftsgarten wurde bereits in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts - durch deren Leiter Geoffroy Saint-Hilaire und Frédéric Cuvier - vorangetrieben. Zwischen 1801 und 1805 entstand das Affen- und Vogelhaus, danach folgten die Bärengräben (1805), die Rotunde für Elefanten und Giraffen (1801-1812), das Raubtiergehege (1818-1821), die Voliere für die Raubvögel (1825) und eine Fasanerie (1827). Zugleich wurden Bäume gepflanzt, künstliche Hügel errichtet, Wasserbecken und ein Netz von gewundenen Wegen, sowie kleine strohgedeckte Holz- und Steinhäuser in rustikalem Stil gebaut. Im Unterschied zu den geometrischen Parkanlagen des Absolutismus sollte gleichsam die Natur selbst inszeniert werden; lediglich die Raubtierhäuser folgten einem anderen Naturkonzept, das bereits der Comte de Étienne de La Ville-sur-Illon, Bernard-Germain Lacépède, 1795 formuliert hatte. Um sich vom monarchischen Despotismus und der feudalen Jagdleidenschaft abzugrenzen, hatte er gefordert, die "Zahl der reißenden Tiere zu reduzieren, denn diese lieferten das Vorbild für eine zerstörerische Grausamkeit, verleiteten zu der Annahme, die Natur habe das Reich der Gewalt legitimiert, und symbolisierten die Tyrannei; vielmehr sei den friedfertigen Tieren der Vorzug zu geben, die ganz natürlich dem öffentlichen Nutzen dienten und gewissermaßen Allegorien des arbeitsamen citoyen seien."15 Der Zoologische Garten sollte gewissermaßen an den "Tierfrieden" (nach Jesaja 11,6-8) eines künftigen Paradieses erinnern. (Daß diese Strategie nicht erst unter gegenwärtigen Bedingungen in Konflikt gerät mit dem ökonomisch motivierten Bedürfnis, die Sensationslust des Publikums anzustacheln, illustriert die Filmsatire "Fierce Creatures" von 1997, in der ein Zoodirektor - gespielt von John Cleese - sein Unternehmen zu "retten" versucht, indem er selbst die harmlosesten Tiere als "Bestien" deklariert. Aber schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mußte der Zoo von Basel, der für die Präsentation alpiner Tierarten konzipiert war, aufgrund mangelnden Publikumsinteresses exotische Tiere ankaufen und zeigen.) Das Ideal der friedfertigen Natur, die als gartenarchitektonisches Tableau entfaltet wurde, ließ sich auch durch den Baustil der Tierhäuser veranschaulichen, der gelegentlich den Herkunftsländern der einzelnen Tiergattungen (wie beispielsweise im Berliner Zoo) nachempfunden wurde. Die Tiere wurden also "kulturalisiert", und sie wurden - buchstäblich - "domestiziert", indem sie ihre Häuser für die Nachtruhe und für die kalten Jahreszeiten erhielten. Im Jahre 1861 forderte Geoffroy Saint-Hilaire, "daß eine zielgerichtete Naturgeschichte - neben der Beobachtung und der Reflexion - noch eine dritte Aufgabe zu erfüllen habe: Sie müsse ihren praktischen Nutzen beweisen, indem sie exotische Arten akklimatisiere (durch Anpassung an ein neues bioklimatisches Milieu) und domestiziere, um auf diese Weise der Gesellschaft neue Ressourcen und Kräfte zuzuführen".16 Während also das städtische Publikum in seiner Freizeit durch die Naturillusionen des Tierparks belehrt und unterhalten werden sollte, versuchten die Wissenschaftler, die sogenannten "wilden" Tiere zu zivilisieren. Dabei spielten auch "nationale" Interessen eine gewisse Rolle: einerseits sollte der Artenreichtum einer Nation und ihrer Kolonien vorgeführt, andererseits das friedliche Zusammenleben der verschiedensten Gattungen symbolisch demonstriert werden. An dieser Symbolik partizipiert noch - um abermals ein aktuelles Filmwerk zu zitieren - Emir Kusturicas "Underground" von 1995. Bekanntlich wird hier der Zusammenbruch der jugoslawischen Gesellschaft in eindrucksvollen Bildsequenzen von der Bombardierung des Belgrader Zoos dargestellt. Der künftige Bürgerkrieg wird durch Tiger und Elefanten, die frei zwischen den Bombenruinen herumlaufen, gleichsam vorweggenommen. Der aufgehobene "Tierfrieden" annonciert die Katastrophe des "bellum omnium contra omnes", von der schon Augustinus im "Gottesstaat" schrieb: "Bevor damals das verbündete Latium sich gegen Rom erhob, wurden plötzlich alle Haustiere, Hunde, Pferde, Esel, Ochsen und sonstiges Vieh, das unter des Menschen Herrschaft lebt, wild, vergaßen ihre bisherige Friedfertigkeit, liefen aus den Häusern, rannten frei umher und ließen niemanden, auch ihre Herren nicht, an sich herankommen. Wer es dennoch wagte, ihnen zu Leibe zu gehen, setzte sein Leben aufs Spiel. Wahrlich, ein Anzeichen großen Unheils, falls man überhaupt noch ein Zeichen nennen darf, was an sich schon großes Unheil sein würde, auch wenn es kein Zeichen wäre."17 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten die Zoos nationale Prestigeobjekte; eine Hauptstadt ohne Zoo erschien geradezu unbedeutend. Die Spiegelung der Nation (mit ihren Kolonien) in der Sozietät der "domestizierten" Tiere wurde überdies durch die neuen Wissenschaften der Ethnologie und Anthropologie unterstützt. Während die enzyklopädische Taxonomie der Histoire naturelle in die "Naturparadiese" der städtischen Tierparks transformiert wurde, bemühten sich Mediziner und Mitglieder anthropologischer oder ethnologischer Gesellschaften um Typologien der Menschengattung, die beispielsweise durch zahllose Schädel- und Körpervermessungen fundiert werden sollten. Daher mag es nicht verwundern, daß - parallel zu den Zoogründungen in den europäischen Metropolen - die Praxis aufkam, die Angehörigen fremder und exotischer Kulturen in sogenannten "Völkerschauen" öffentlich auszustellen. Schon 1817 reiste eine Truppe mit sieben Seneca durch England; und 1822/23 konnten die Besucher der Egyptian Hall in London drei Lappländer mit Schlitten und Rentieren bewundern. 1839 wurde in London die Guyana-Ausstellung Robert Hermann Schomburgks eröffnet. "Neben einer ethnographischen Sammlung befand sich dort eine nachgebaute Hütte, in der drei Einheimische, Mitglieder der Bootsbesatzung während seiner Reise, in Jaguarfelle gekleidet und mit Federn geschmückt Tänze sowie die Handhabung von Blasrohren vorführten."18 Besondere Berühmtheit gewannen schließlich - ab den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts - die "Völkerschauen" des Zoodirektors und Tierhändlers Carl Hagenbeck. Mit diesen "Völkerschauen" sollten zunächst Konjunktureinbrüche im Tierhandel kompensiert werden; sie erwiesen sich freilich als derartig einträgliches Geschäft, daß sie auch nach Abdeckung der Verluste fortgeführt wurden, und zwar in bemerkenswert enger Verbindung mit der Organisation der Zoologischen Gärten und Tierimporte. In seinen Memoiren von 1909 - mit dem bezeichnenden Titel "Von Tieren und Menschen" - notierte Hagenbeck: "Inzwischen war nun auch der Elefantenimport aus Ceylon zur Entwicklung gelangt und gestaltete sich recht günstig. Im Jahre 1883 führte ich nicht weniger als 67 dieser Tiere von der Insel aus. Wie etwas Selbstverständliches griff nun das neue Gebiet auch in die Völkerausstellungen ein, die ununterbrochen ihren Fortgang nahmen."19 Gezeigt wurden Nubier, Eskimos, Lappen, Patagonier, Australier, Singhalesen, Kalmücken, Samoaner, Mongolen, Somalis, ganze "afrikanische Dörfer" mit Massais, Wahitis, Oromos, Suahelis und Arabern, Oglala-Sioux, Beduinen, Tscherkessen oder Kaledonier. Eine Reihe der "Völkerschauen" Hagenbecks, die übrigens gern mit den enzyklopädischen Motiven der "Weltreise" oder des "Weltmuseums" um Besucher warben, wurde übrigens tatsächlich in Tiergärten veranstaltet, - etwa 1886 im Pariser Jardin zoologique dâ Acclimatation, 1907 zur Eröffnung des Stellinger Tierparks, und natürlich immer wieder im eigenen Tiergarten. Auch andere "Völkerausstellungen" fanden häufig im Zoo statt, beispielsweise 1889 die Ausstellung "Wildes Afrika" im Zoo von Basel, 1897 die Aschanti-Ausstellung im Wiener Tiergarten oder 1900 die Tscherkessen-Ausstellung im Berliner Zoo. Insgesamt wurden die "Völkerschauen" in Europa noch bis zum Jahr 1932 durchgeführt.

2. Zur Logik des Zirkus

Während also die Tradition gemeinsamer Ausstellungen von exotischen Tieren und Menschengruppen (unter enzyklopädischen Perspektiven) nach dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zurückging, um schließlich ganz zu verschwinden, bildet die wechselweise Vorführung von Tieren und Menschen mit spezifischen außergewöhnlichen Fähigkeiten bis zum heutigen Tag das Organisationsprinzip des Zirkus. Auch der Zirkus läßt sich übrigens auf Vorläufer in den alten Hochkulturen zurückbeziehen. So gibt es Abbildungen von ägyptischen Akrobaten; Seiltänzer, Clowns oder dressierte Tiere wurden in der Antike, aber auch im alten "Reich der Mitte" präsentiert. Im Jahr 1697 beobachtete ein Reisender aus Rußland - mit erheblichem Staunen - einen dressierten Elefanten in Amsterdam, "der Menuett tanzte, auf orientalische Art und Weise eine Trompete blies, mit einer Muskete schoß, allerlei Kunststücke ausführte und mit einem Hund spielte, der immer um ihn herum war."20 Dennoch betont die Geschichtsschreibung, daß der moderne Zirkus erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand, - und zwar aus einer Reitschule. Dieser Anfang wirkt plausibel: die Pferde wurden - vorzugsweise unter militärischen Gesichtspunkten - regelmäßig dressiert und abgerichtet (wie sich ja überhaupt zeigen läßt, daß die Geschichte der Tierdressur geradezu als Kapitel der Militärgeschichte betrachtet werden kann21). So war es nicht umsonst ein englischer Offizier namens Philip Astley, der 1768 eine "Riding School" bei Lambeth Bridge (London) gründete, in der bald - neben dem regulären Unterricht - Kunstreiter, Seiltänzer, Akrobaten und Clowns aufzutreten pflegten. Astley war es auch, der herausfand, daß sich Kunststücke zu Pferde leichter ausführen ließen, wenn die Pferde im Kreis trabten; er baute daher den Reitplatz um zu einer kreisförmigen Manege (mit einem Durchmesser von dreizehn Metern), und bedeckte deren Boden mit einer Schicht aus Lehm und Sägespänen. Zunächst fanden die Vorstellungen noch unter freiem Himmel statt; später erhielt der Zirkus ein Dach und eine große Bühne. Und als dieses Gebäude im Jahr 1794 abbrannte, errichtete Astley - in Konkurrenz zu Charles Hughes, dem Direktor des "Royal Circus" - ein neues großes Theater mit Manege und Bühne, und schließlich nach einem weiteren Brand im Jahr 1803 das berühmte "Amphittheatre", das (trotz eines abermaligen Feuerschadens im Jahr 1841) kontinuierlich bis 1893 bespielt wurde. Im Zuge der napoleonischen Kriege wurde der Einfluß französischer Zirkuskunst dominant. Der Pariser Zirkus von Antonio Franconi veranstaltete Tourneen durch die besetzten Gebiete, und seine Söhne errichteten 1807 in Paris den "Cirque Olympique", in dem "dressierte Hirsche und der Elefant »Baba« zu sehen waren", während Laurent Franconi die "Hohe Schule ritt". Denn "die vornehmste Stellung in diesem olympischen Circus nahmen die Kunstreiter ein. Als Pferdeakrobaten zeigten sie Sprünge über in der Luft hängende Seile und Saltos durch eine Reifenreihe. Die größte Begeisterung rief eine Nummer hervor, in der der Reiter durch einen drei Meter langen Tunnel sprang und dann wieder auf dem Pferderücken landete."22 Das Programm wurde ergänzt durch Akrobaten, Seiltänzer, Feuerschlucker, Zauberer, Clowns; unter dem Einfluß des Empire wurden die athletischen und komischen Darbietungen gelegentlich zu einer ästhetischen Einheit verschmolzen, indem man die einzelnen Nummern unter ein übergreifendes Thema stellte: so entstanden regelrechte "tableaux vivants" und mimische Inszenierungen mit zahlreichen mythologischen oder anekdotischen Anspielungen. Nicht selten waren es kriegerische Ereignisse, die auf diese Weise erinnert wurden. Jean-Baptiste Loisset (der im Jahr 1826 ein Buch über moderne Pferdedressur verfaßte) inszenierte im Wanderzirkus Blondins (mit dessen Vorstellung 1821 das neue Zirkusgebäude Berlins gleichsam "eingeweiht" wurde) die Geschichte von "Des polnischen Kürassiers Verwundung bei Smolensk"; im "Royal Amphittheatre" Astleys wurde 1825 ein "Grand Military and National Spectacle" angekündigt, nämlich "Burning of Moscow Or, Bonaparteâs Invasion of Russia".23 Im Zirkus von Jacques Tourniaire, einem Schüler Astleys und Franconis, wurden noch 1842 Szenen aufgeführt wie "Napoleon oder die Republik, das Kaiserreich und die Hundert Tage" oder "Der Tod von Kléber bei den französischen Kämpfen in Ägypten".24 Eine wesentliche Attraktion der Zirkusveranstaltungen bildeten Transgressionen zwischen Tieren und Menschen: Tiere, die sich wie Menschen benahmen, Menschen, die als Tiere verkleidet waren. Sehr populär war der "Schlangenmensch" Klischnigg, der bei Blondin unter Vertrag stand und auch als "Jocko der Affe" auftrat; ebenso beliebt war der kleinwüchsige Hervio "Nano" Leach, der - wiederum als Affe - in der Pantomime "Baboon der Affe oder der wilde Zwerg" reüssierte. Solche "Tiermenschen" konkurrierten gleichsam mit jenen dressierten Tieren, die auf der Bühne eine "menschliche" Tätigkeit imitierten. Bei Franconi und Tourniaire gab es jeweils einen Elefanten, der sich wie ein Mensch zu Tisch setzen konnte; in "zahlreichen Hunde- und Affentheatern ahmten die Tiere die Menschen nach. Affen tanzten auf dem Seil, traten als Springer und Gleichgewichtskünstler auf oder tanzten, fesch gekleidet, einen Modetanz. [...] Hunde und Affen zusammen führten als echte Akteure verkleidet Pantomimen auf. Bekannt war das Spiel vor dem Kriegsrat, in dem der Deserteur schließlich vor ein Erschießungskommando gestellt wird."25 Der militärpädagogische Nutzen solcher "komischen" Nummern liegt auf der Hand: wie sich beispielsweise den kriegswissenschaftlichen Schriften Friedrichs des Großen entnehmen läßt, war es üblich und offenbar notwendig, ein Regiment in unwegsamem Gelände (etwa im Wald) von der Kavallerie umkreisen zu lassen, um einer massenhaften Desertion rechtzeitig vorzubeugen. Die spätere "Wehrpflicht" mußte gewissermaßen dem Publikum "eingebleut" werden, genauso übrigens wie die Schulpflicht. Nicht nur der Kriegsrat wurde im Zirkus inszeniert, sondern auch die Schulstube. Um 1825 avancierte der gelehrte Pudel Munito zur "Zirkusprominenz": er konnte buchstabieren, rechnen und Befehle in verschiedenen Sprachen befolgen. Im Berliner Zirkus Renz trat 1866 ein "studierter Esel" auf, in Hamburg ein mathematisch "begabter" Hengst, der "rechnende Hans", der die Ergebnisse bestimmter arithmetischer Operationen mit seinen Hufen klopfen konnte. Pudel, Pferde, Affen und andere Tiere verkörperten gleichsam den kulturellen Imperativ der Alphabetisierung, der kollektiven Abrichtung zum Lernen im 19. Jahrhundert. Gerade die Kinder, welche die Zirkusvorstellungen besuchten, erfuhren dort auch, was Franz Kafka seinem Affen - im "Bericht für eine Akademie" - in den Mund legte: "Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt sich selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten Widerstand. Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und weg, so daß mein erster Lehrer selbst davon fast äffisch wurde, bald den Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mußte. Glücklicherweise kam er bald wieder hervor. Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. [...] Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht, es beglückte mich. Ich gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht, wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines Europäers erreicht."26 Wie vielen Kindern wurde wohl dieselbe Anstrengung abverlangt, um die europäische "Durchschnittsbildung" zu erhöhen? Die 1855 erstmals in deutscher Sprache gedruckte - und seinerzeit außerordentlich populäre - Autobiographie des vielleicht berühmtesten Zirkusdirektors der "Neuen Welt", Phineas Taylor Barnum, beginnt nicht umsonst mit folgender Schilderung: "Mit dem sechsten Jahre begann ich die Schule zu besuchen. Das erste Datum, das ich, so viel mir erinnerlich, auf mein Schreibheft schrieb, war 1818. Ein Schulhaus war damals ein zu fürchtender Gegenstand, ein Schulmeister ein Popanz, vor welchem die Kinder zitterten. Mein erster Lehrer war ein Herr Camp, der zweite Herr Zerah Judson, der dritte ein Herr Curtis von Newtown, der vierte Doctor Orris T. Taylor, und nachmals mein Oheim Alanson Taylor u.s.w. Im Sommer hatten wir eine treffliche Lehrerin, Miß Hannah Starr, deren Günstling ich war und die ich immer sehr hoch geschätzt habe." (Auch P.T. Barnum hat demnach - wie der Affe Kafkas - viele Lehrer "verbraucht" ...) "Die ersten drei Lehrer machten von der Ruthe einen sehr ausgedehnten Gebrauch, und in dem dunklen Carcer saß während der Schulstunden fast immer irgend ein beklagenswerther junger Weltbürger, der das Mißfallen des Autokraten erregt hatte. Ich galt im Allgemeinen für einen ziemlich fähigen Schüler, und als ich heranwuchs, waren mir nur zwei oder drei meiner Mitschüler überlegen. In der Arithmetik war ich ungemein schnell, und ich erinnere mich, daß ich im Alter von zwölf Jahren einst mitten in der Nacht von meinem Lehrer aus dem Bett geholt wurde, um ein Rechenexempel zu lösen. Mein Lehrer hatte nemlich mit einem Nachbar gewettet, ich würde in fünf Minuten berechnen, wie viele Fuß ein Fuder Holz enthalte. Der Nachbar gab die Dimensionen an, und da ich keine Schiefertafel zu Hause hatte, so kratzte ich die Zahlen auf das Ofenrohr und nannte das Facit in weniger als zwei Minuten zur größten Freude meines Lehrers und meiner Mutter, so wie zum nicht geringen Erstaunen des ungläubigen Nachbars."27 Wer solche Herausforderungen besteht, kann es auch - und gerade - im Zirkusgeschäft weit bringen. Der Zirkus fungierte als das pädagogische Komplement des Zoologischen Gartens; er illustrierte die Fortschrittsutopien von der "Erziehung" und der "Verbesserung" des Menschengeschlechts, indem er zumal die Lernfähigkeit und Dressierbarkeit der Tiere demonstrierte. Was der Enzyklopädist und Freund Buffons am Pariser Naturalienkabinett, Jean-Baptiste de Monet, Chevalier de Lamarck, theoretisch postuliert hatte: eine Evolution durch kulturelles Lernen und dessen Vererbung, wurde vom Zirkus in anschauliche Szenarien übersetzt. Und was am Jardin zoologique dâAcclimatation in Paris mühsam studiert wurde - die Zähmung der Tiere und deren Gewöhnung an die gleichzeitige Anwesenheit verschiedener Arten - bildet bis zum heutigen Tag einen zentralen Topos der Tierdressuren im Zirkus. Worin besteht denn die Pointe einer der spektakulärsten Szenen jeder Raubtiernummer - des Moments, in dem der Dompteur seinen Kopf in den Rachen des Löwen oder des Tigers steckt? Woraus resultiert denn bis heute der Reiz einer Vorführung gemischter Raubtiere - Löwen, Tiger, Panther, Bären? Warum wurden im "Zoologischen Zirkus" Hagenbecks Löwen auf Pferde gesetzt, Katzen mit Vögeln und Mäusen beim Seiltanz plakatiert, ja sogar eine Maus, die es zwischen den Zähnen einer Katze aushält?28 Warum wurde im Schweizer Zirkus Knie (noch nach dem Zweiten Weltkrieg) ein Tiger präsentiert, der auf einem Nashorn reitet?29 Der Zirkus - insbesondere die gigantischen Unternehmungen P.T. Barnums oder der Ringling-Brothers - unterhielt sein Publikum auch mit dem Nimbus kosmopolitischer Zivilisierung; nicht umsonst versammelte er in seinen Manegen (seit den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts) die verschiedensten Völkergruppen (Araber, Chinesen, Japaner, Indianer, Russen, Singhalesen usw.), ohne sie bloß als Beispiele einer Ausstellung des Exotischen (wie in den "Völkerschauen" der Zoologischen Gärten) einzusetzen.30 Zirkusvorstellungen signalisierten die Verträglichkeit der Tiergattungen und der Kulturen: freilich um den Preis der Dressur, der Abrichtung und des unentwegten Lernens. Wie beschließt der Affe Kafkas seinen Bericht? "Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich und ich kann es nicht ertragen. Im Ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen."31

3. Zur Logik der Freakshow

Kafkas Affe reüssierte in Akademien und Varietés. Wäre er nicht von Hagenbeck gefangen worden, sondern beispielsweise von einem Agenten P.T. Barnums, hätte er sein Leben in einer Ausstellung verbracht, die als eigenartige Mischform zwischen Zoo und Zirkus zunächst in Nordamerika und England das Publikum begeisterte: in der Side- oder Freakshow. Diese Shows waren im 19. Jahrhundert im angloamerikanischen Raum außerordentlich erfolgreich, bevor sie (überwiegend mit der ersten Europa-Tournee von Barnum & Bailey, direkt nach der Jahrhundertwende 1900/1901) auch den alten Kontinent in ihren Bann schlugen. Die Freakshow faszinierte als Erbin eines alten Interesses: des vorrangig religiös motivierten Interesses an den Monstren und Prodigien. Spuren dieses Interesses lassen sich in den meisten alten Hochkulturen entdecken; zu Recht weist Mircea Eliade darauf hin, daß der griechische Olymp von Wesenheiten bewohnt wurde, die wir heute als "behindert" oder "entstellt" qualifizieren würden. "Sie sind unverletzbar (z. B. Achill) und werden dann doch besiegt; sie zeichnen sich durch Kraft und Schönheit aus, aber auch durch monströse Züge; sie sind entweder von riesenhaftem Wuchs - Herakles, Achill, Orest, Pelops - oder überdurchschnittlich klein, sind tiergestaltig (z. B. Lykaon, der »Wolf«) oder verwandeln sich in Tiere. Sie sind androgyn (Kekrops), wechseln ihr Geschlecht (Teiresias) oder verwandeln sich in Frauen (Herakles). Daneben sind Heroen durch zahlreiche Anomalien gekennzeichnet (Akephalie oder Polykephalie; Herakles hat drei Zahnreihen); sie sind häufig hinkend, bucklig oder blind. Sehr oft fallen die Heroen dem Wahnsinn zum Opfer (Orest, Bellerophon, sogar Herakles, als er die Söhne, die Megare ihm geboren hatte, erschlug)."32 Peter Radtke resümiert für die ägyptische Götterwelt: "Wenn Götter eine Art Anthropomorphisierung von Vorstellungen bedeuten und Körperbehinderung ein Abweichen von der üblichen Norm des äußeren menschlichen Erscheinungsbildes, würde ein Großteil des ägyptischen Götteruniversums unter die Kategorie Körperbehinderte fallen."33 Monstren und Prodigien, die Wunderwesen schlechthin, faszinierten als die sogenannten "Erdrandsiedler", die bereits in der "Historia Naturalis" des Plinius beschrieben wurden, das Mittelalter (beispielsweise in den Erzählungen des "Alexanderromans"). In der Renaissance wurden sie - vorzugsweise als Präparate - gesammelt und in die ersten Kunst- und Wunderkammern integriert. Flugblätter und Einblattdrucke informierten im 16. und 17. Jahrhundert die Bevölkerung von "Wundergeburten", die stets als göttliche Zeichen interpretiert wurden (durchaus im Sinne der korrekten etymologischen Ableitung des Worts "Monstrum" vom lateinischen Verbum "monere", das "mahnen" oder "warnen" bedeutet). In der frühen Neuzeit gab es darüber hinaus kaum einen "Herrscher in Europa, der nicht Zwerge und Debile für sein Kuriositätenkabinett suchte: es wurde darum gewettet, wer den winzigsten Zwerg oder den blödesten Tölpel besaß; es kam sogar vor, daß sie gegeneinander ausgeliehen, getauscht oder verkauft wurden."34 In der Singularität ihrer "Monstren" spiegelte sich gleichsam die Einmaligkeit der Herrscher selbst. Zahlreiche gemalte Porträts galten den Hofzwergen oder Hofnarren (etwa "Las Meni­as" von Velasquez); noch die ältere, historisierende Version des Märchens "Schneewittchen" (nach Johann Karl August Musäus) erzählt nicht von kleinwüchsigen Grubenarbeitern "hinter den sieben Bergen", sondern von Hofzwergen, die sich um die bedrohte Königstochter kümmerten. Sie bedienten ihre Herrin, und zimmerten nach ihrem Scheintod (durch einen mit Opiumsaft imprägnierten Brief) "einen Sarg von Föhrenholz mit silbernen Schildern und Handhaben, und machten, um des Anblicks ihrer holden Gebieterin nicht auf einmal beraubt zu sein, ein Glasfenster darein".35 Bereits in der elisabethanischen Ära waren "Monster-Shows" in London sehr beliebt. Gezeigt wurden beispielsweise "the hand of a Sea-Monster, half man and half fish", ein "Man-Teger from the East Indies, from the Head downwards resembling a Man, its fore parts clear, and his hinder parts all Hairy", ein Monstrum "from the Coast of Brazil, having a Head like a Child, Legs and Arms very wonderful, with a Long Tail like a Serpent, where with he feeds himself, as an Elephant doth with his Trunk"; dazu kamen Hermaphroditen, Zwerge, Riesen und Riesinnen, sowie "a wide variety of persons with natural anomalies, including a woman with three breasts, a boneless child, and a monster with one body, two heads, four arms and four legs, with teeth in each mouth."36 In gewisser Hinsicht konnten sich also die Freakshows des 19. Jahrhunderts auf ältere Traditionen berufen als der Zoo und der Zirkus; sie fungierten gleichsam als die letzten "Wunderkammern" der Moderne. Ihren Aufschwung verdankten sie allerdings nicht zuletzt dem Enthusiasmus und Geschäftssinn des bereits erwähnten "fabulous showman" P. T. Barnum. In seinen Memoiren erzählt er, wie bereits eine seiner ersten Attraktionen, die angeblich 161 Jahre alte, schwarze Joice Heth, den weltberühmten Schachtürken Wolfgang von Kempelens ausstach, mit dem der Erfinder des Metronoms, Johann Nepomuk Maelzel, jahrelang durch Amerika reiste. "Wir öffneten unsere Schaustellung in dem kleinen Ballsaale der »Concerthalle«, an der Ecke von Court= und Hanover=Street. Das Publicum von Boston hatte schon viel von der alten Negerin gehört, an den Straßenecken war ihre Ankunft auf großen Zetteln verkündet, und die Zeitungen erzählten so viel von ihr, daß die Neugier des Publicums aufâs Höchste gespannt war. Der berühmte Mälzel zeigte damals seinen vielbewunderten »automatischen Schachspieler«; aber die Negerin erhielt so zahlreichen Besuch, daß unser Zimmer zu klein war und Herr Mälzel sich bewogen fand, seine Schaustellung zu schließen und uns den großen Saal zu überlassen." Maelzel trug es offenbar mit Fassung, nicht ohne Anerkennung einer gelungenen Öffentlichkeitsarbeit. "Ich sehe", sagte er in gebrochenem Englisch, »daß Sie den Werth der Presse erkennen, und das ist die Hauptsache. Wer etwas öffentlich zeigen will, muß sich hauptsächlich auf die Lettern und Druckerschwärze verlassen. Wenn Ihre alte Negerin stirbt«, setzte er hinzu, »so kommen Sie zu mir, und ich will Ihr Glück machen. Ich will Ihnen meine Carrousel, meinen automatischen Trompeter und viele andere Curiositäten überlassen, mit denen Sie viel Geld machen werden.«"37 Seine größten Triumphe feierte Barnum indes mit dem kleinwüchsigen Tom Thumb, den er im November 1842 entdeckt hatte. "Ich hatte gehört, daß es in Bridgeport ein merkwürdig kleines Kind gäbe; auf meine Bitte brachte es mein Bruder ins Hotel. Es war wirklich das kleinste Kind, das schon gehen konnte und mir je zu Gesicht gekommen war. Der Knabe war nicht ganz zwei Fuß hoch und wog nicht ganz sechzehn Pfund. Es war ein hellhäutiger, kleiner Bursch, mit blonden Haaren und vollen Wangen, sehr gesund und symmetrisch gebaut, wie ein Apollo. So schüchtern er auch war, so hatte ich ihn doch bald kirre gemacht; er fing zu plaudern an und sagte mir, er heiße Charles Stratton und sey erst fünf Jahre alt. Es fragte sich nun, ob man einen so jungen Zwerg bereits als Schaustück benützen könne, ob die Leute wohl auch an sein Zwergentum glauben würden. Ich betrachtete die Sache daher vorläufig nur als ein Experiment und miethete ihn für vier Wochen - drei Dollars pro Woche, wobei Reisekosten für ihn und seine Mutter, sonstiger Unterhalt und Equipirung mir zur Last fallen sollten. Mrs. Stratton erstaunte nicht wenig, als sie sah, daß ihr Sohn in meinen Ankündigungen als General Tom Thumb, ein eilfjähriger, eben aus England angekommener Zwerg, dem Publicum bekannt gegeben wurde. Der kleine Betrug dürfte nach meinem Dafürhalten um so leichter entschuldigt werden können, als der Zwerg, wie ich überzeugt bin, seit seinem sechsten Lebensmonat nicht viel mehr gewachsen ist. Ich gab mir viele Mühe, mein Diminutiv=Wunder gehörig zu trainieren; ich brachte bei Tag wie bei Nacht viele Stunden mit dieser Beschäftigung hin, die auch ihr Ziel erreichte, weil er angebornes Talent und ungemein viel Vorliebe fürs Komische hatte. Er war mir sehr zugethan. Ich hege ebenfalls viel Theilnahme für ihn und glaube, daß er in diesem Augenblick eine der interessantesten Curiositäten ist, welche die Welt überhaupt je gesehen hat."38 Tom Thumb avancierte bald zum beliebten Gast der britischen Hocharistokratie; insbesondere seine Auftritte vor dem greisen "Iron Duke" of Wellington mußten mehrfach wiederholt werden. "Der Herzog von Wellington erwies uns die Ehre häufiger Besuche. Als er das erste Mal kam, stellte der General eben den Kaiser Napoleon Bonaparte dar; er war vollständig militärisch gekleidet, schritt, anscheinend in tiefes Nachdenken versunken, ganz gravitätisch auf und ab und nahm mit vieler Würde von Zeit zu Zeit eine Prise Schnupftabak. Ich stellte ihn dem eisernen Herzog vor, der ihn nach dem Gegenstand seiner Meditationen fragte. »Ich habe eben über den Verlust der Schlacht bei Waterloo nachgedacht«, antwortete er, ohne sich lang zu besinnen. Diese ungemein passende Antwort wurde rasch in Stadt und Land bekannt und brachte uns bedeutende Summen ein."39 Ab 1860 wurden verschiedene Charaktere der Freakshow P. T. Barnums gerne als "What is it?" oder als "Nondescripts" präsentiert. Insbesondere der 1926 verstorbene William Henry Johnson absolvierte zahlreiche Engagements bei Barnum, in denen er als eine Art von "missing link" zwischen Mensch und Orang-Utan vorgeführt wurde.40 Auf ähnliche Weise wurde Julia Pastrana als "Bear Woman" oder als "Ape Girl" ausgestellt; sie starb bereits 1860, kurz nach der Geburt eines Kindes, aber ihr konservierter Körper wurde noch bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts auf diversen "Exhibitions" gezeigt. Rosemarie Garland Thomson hat die Geschichte Julia Pastranas detailliert recherchiert; sie resümiert: "In 1860 while in Moscow, however, Pastrana died shortly after childbirth in which she delivered a son who inherited her hirsuteness and died shortly after birth as well. Theodore Lent, her manager, apparently sold both bodies to Professor Sukolov of Moscow Universityâs Anatomical Institute, who embalmed them with a new method. The process was so successful that Lent repurchased both bodies and continued to exhibit them. By February, 1862, Pastranaâs body, along with her babyâs, now billed as »the Embalmed Female Nondescript«, were being viewed again in London, often by those who had seen her live performance only a few years earlier. Pastranaâs singular body, augmented now with her sonâs, continued to circulate on public exhibition in various museums, such as the Prater in Vienna, in circuses, before Royal families, and in amusement parks for well over one hundred years. In 1972, Pastranaâs body toured the United States with a travelling amusement park called the Million Dollar Midways. Because public and religious objections have now rendered Pastranaâs display an embarrassment, her embalmed corpse has been retired to the basement of The Institute of Forensic Museum in Oslo where it is studied by medical experts whose careers benefit from the exhibition of Julia Pastranaâs extraordinary body."41 Die abenteuerliche Geschichte Julia Pastranas offenbart auf einen Schlag die wissenschaftlichen Interessen, die sich mit der modernen Freakshow assoziiert haben: das Spektrum reicht von der Teratologie, die seit den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts darum bemüht war, hybride Organismen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu züchten, bis zu der - von Darwins Evolutionstheorie inspirierten - Suche nach den "missing links" zwischen Menschen und Affen. Involviert waren auch Anthropologen, forensische Mediziner, Psychologen oder Verhaltensforscher. Noch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts plante der niederländische Evolutionsbiologe Hermann Moens, mit ausdrücklicher Unterstützung Ernst Haeckels, die experimentelle Kreuzung von Affen und Afrikanern - zur Erzeugung einer neuen Hybridrasse, ja womöglich gar des vielgesuchten "missing link" zwischen Menschen und Primaten.42 Das eigentliche Phantasma der Freakshow ist das Phantasma der Züchtung, der artifiziellen Produktion der gesuchten "Monstren". Nicht umsonst endet der berühmte Film "Freaks" von Tod Browning (aus dem Jahr 1932) - ein Film, der noch die Fotografin Diane Arbus in den Sechzigerjahren dazu brachte, mehrere Vorstellungen hintereinander zu besuchen - mit der grausamen Verstümmelung der gehaßten Protagonistin zum Freak. Zahlreiche Romane und Filme des 19. und 20. Jahrhunderts - von "Frankenstein" bis zur "Insel des Dr. Moreau" - handeln von jenem verborgenen Interesse; Victor Hugo (und nach ihm James Ellroy) haben die Phantasie von der Züchtung der Freaks ausgeschmückt - etwa in der Geschichte vom "Lâhomme qui rit", der sein unentwegtes Lachen einer Operation durch die "comprachicos" verdankte. Diesem mysteriösen spanischen Geheimbund, den noch der sechzehnjährige Rimbaud in seinem zweiten "Seherbrief" an Paul Demeny zitierte,43 wurde nachgesagt, er habe Kinder in ganz Europa aufgelesen oder entführt, um sie mit Hilfe ausgeklügelter Chirurgie in jene Freaks zu verwandeln, die dann an die europäischen Höfe verkauft werden konnten. Wo die Wurzeln dieses Gerüchts ausgegraben werden können, läßt sich unschwer erschließen: nicht in den Biographien absolutistischer Monarchen, sondern in der Wissenschaftsgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte. Die Freakshow hat überlebt: in Coney Island, aber auch in zeitgenössischen Laboratorien und Genforschungs-Instituten. Und wer heute das Unglück erfährt, beispielsweise als "siamesischer Zwilling" geboren zu werden, wird nicht mehr ausgestellt (wie Chang und Eng, die "originalen" siamesischen Zwillinge, die zwar von Virchow untersucht, aber danach von Barnum - und zwar zu exzeptionellen Vertragsbedingungen - engagiert worden waren44), sondern - wie Masha und Dasha, deren Schicksal jüngst in einer Art von Autobiographie publiziert wurde45 - der Kontrolle wissenschaftlicher Forschung unterworfen.

Nachbemerkung mit Nietzsche

Friedrich Nietzsche, dessen hundertster Todestag eben erst gefeiert wurde, war vielleicht der einzige Philosoph, der - jenseits von sozialdarwinistischer Propaganda, die ihm weitgehend zu Unrecht zugeschrieben wird - die Prozesse der Domestikation, der Dressur oder der Züchtung beklagte, denen Menschen wie Tiere gleichermaßen ausgeliefert werden. So heißt es in der "Götzendämmerung" von 1889: "Zu allen Zeiten hat man die Menschen »verbessern« wollen: dies vor Allem hiess Moral. Aber unter dem gleichen Wort ist das Allerverschiedenste von Tendenz versteckt. Sowohl die Zähmung der Bestie Mensch als die Züchtung einer bestimmten Gattung Mensch ist »Besserung« genannt worden: erst diese zoologischen Termini drücken Realitäten aus - Realitäten freilich, von denen der typische »Verbesserer«, der Priester, Nichts weiss - Nichts wissen will . . . Die Zähmung eines Thieres seine »Besserung« nennen ist in unsren Ohren beinahe ein Scherz. Wer weiss, was in Menagerien geschieht, zweifelt daran, dass die Bestie daselbst »verbessert« wird. Sie wird geschwächt, sie wird weniger schädlich gemacht, sie wird durch den depressiven Affekt der Furcht, durch Schmerz, durch Wunden, durch Hunger zur krankhaften Bestie. - Nicht anders steht es mit dem gezähmten Menschen, den der Priester »verbessert« hat."46 Nietzsche spricht von den Zwängen der Domestikation, der Zähmung und der Züchtung (freilich ohne diese drei Strategien stets präzis zu unterscheiden); was ihm dabei vor Augen steht, wird abgelehnt und kritisiert: nämlich die Praktiken von Zoo und Zirkus. "Die Moral ist eine Menagerie", heißt es in den nachgelassenen Fragmenten von 1887 bis 1889; "ihre Voraussetzung, daß eiserne Stäbe nützlicher sein können als Freiheit, selbst für den Eingefangenen; ihre andere Voraussetzung, daß es Thierbändiger giebt, die sich vor furchtbaren Mitteln nicht fürchten, - die glühendes Eisen zu handhaben wissen."47 Nietzsche, dieser (gelegentlich jainistisch radikale) Prediger gegen die "Selbst-Thierquälerei",48 bekämpfte die eigentlichen Prinzipien der drei Ausstellungs- und Wissensformen, die ich heute vorstellen wollte: das Prinzip der Domestikation, so wie es sich im Zoologischen Garten verkörperte, das Prinzip der Zähmung und der Dressur, so wie es im Zirkus Gestalt annahm, und schließlich das Prinzip der Züchtung, so wie es in der Freakshow zur Erscheinung gelangte. Er fand einen symbolischen Tod im Wahnsinn (elf Jahre vor seinem physischen Ableben), dessen Schlüsselszene häufig beschrieben worden ist - auch als ein Moment, vor dem alle Phantasmen vom "Übermenschen" restlos verfliegen. "Am 3. Januar 1889 wurde Nietzsche auf der Piazza Carlo Alberto in Turin Zeuge einer unangenehmen Begebenheit: Ein gefühlloser Kutscher mißhandelte auf brutale Weise seinen müden Gaul. Spontanes Mitleid übermannte den daherkommenden Nietzsche, der weder lange überlegte noch den groben Mann zurechtwies, sondern sich schluchzend und schützend um den Hals des gemarterten Tieres warf und das Pferd in höchster Erregung vor der staunenden Menge küßte. Die Gebärde war höchst merkwürdig bei einem Manne, der bis dahin alles Mitleid verspottet und der Welt verkündet hatte, »was fallen will, das soll man auch noch stoßen«. Aber mit dem Hinweis auf sein widerspruchsvolles Verhalten ist Nietzsches ungewöhnliche Handlung in Turin nicht erklärt. Die Begebenheit ist viel symbolträchtiger. Offenkundig kam in dieser Stunde sein wahres Antlitz zum Vorschein, das eher einer franziskanischen Seele glich, denn einem mit dem Hammer philosophierenden Mann."49